Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Tag 7 – Migräne am Morgen

Das morgendliche Erwachen ist etwas ganz besonderes im Leben vieler Migräniker. So auch für mich. Das Erwachen, egal ob mit dem Klingeln des Weckers oder viel zu früh gegen fünf aufgewacht, kann über Wohl und Wehe eines Tages entscheiden. Die Migräne nistet sich gerne in den Morgenstunden im Kopf ein, sie ist immer früher dran als man selber und somit gut vorbereitet und klar im Vorteil. Wenn ich verschlafen die Augen öffne und vor mich hindämmere, dann spüre ich sie manchmal schon, wie sie bereit ist und in den Startlöchern sitzt. Trotzdem ist sie dann meist noch keine ausgewachsene Migräne, sie dämmert noch ein wenig entspannt mit mir mit. Lässt mich dabei in dem Glauben, dass es sich bei dem Pulsieren im Kopf nur um eine geringe Verspannung handelt, die vielleicht auch gering bleibt. Dann, wenn ich ein paar Minuten wach und herumgeturnt bin und denke, ach, ich nehme mal noch kein Medikament und warte ab, dann schlägt sie zu. Ich gehe in die Küche um Kaffee zu machen und PENG, da ist die Monstermigräne. Damit wäre dann der günstige Moment, medikamentös gegen die Migräne vorzugehen, verpasst, der ist nämlich solange man noch ruhig im Bett liegt und die Migräne eine kleine ist. Was an diesem Muster ganz klar ist: Wenn morgens erst einmal ein Kopfschmerz da ist, dann wird auch eine Migräne draus, manchmal eine kleine (die ich immer ohne Triptane zu überstehen versucht habe) aber meistens dann doch eine große.

Jetzt ist natürlich alles anders, schon alleine deshalb, weil ich nicht mehr in die Küche gehe, um Kaffee zu machen. Aber es ist noch immer so, dass ich bei jedem nächtlichen oder morgendlichen Aufwachen, egal wann, als erstes in mich hineinspüre und überprüfe, was mein Kopf so macht. Ye oder nay ist immer die erste Frage – Kopfschmerzen ja oder nein. So fixiert man sich an seine Monster und lässt sich von ihnen kontrollieren. Nach fast einer Woche Kaffee- und Medikamentenentzug jetzt ändert sich plötzlich die bekannte Struktur, hinterlässt mich ein wenig verwirrt. Dinge in meinem Körper ändern sich! Das ist sehr aufregend, denn die immer wiederkehrenden Migränemuster der letzten Jahre vermittelten alles andere als ein Gefühl der Dynamik. Alles fühlte sich üblicherweise statisch, zwingend und vorhersehbar an, dass man sich mit diesem lähmenden Gefühl von: “ach nein, schon wieder” und “das ändert sich einfach nie” herumschlägt.

Und jetzt, jetzt passiert etwas neues. Die letzten Morgende bin ich mit einem Kopfschmerz aufgewacht, einem Druck im Kopf. Auch die Wahrnehmung dessen, was da im Kopf passiert, ändert sich, aber darüber schreibe ich später mal. Was mich momentan euphorisiert ist die Tatsache, dass es da einen Kopfschmerz gibt, der nicht dem eben beschriebenen zwingenden Muster folgt und in die Migräne mündet. Neu ist: Jeden Morgen habe ich einen Kopfschmerz, und wenn ich aufstehe und aktiv werde, dann verschwindet er. Genau das Gegenteil von meinem alten Muster. Das bringt mein ganzes System durcheinander, denn die morgendliche Bewertung eines Kopfschmerzes ist jetzt gerade nicht mehr: “das wird ein schrecklicher Tag”. Die Bewertung ist: “na dann mal raus aus den Federn und Action, dann ist alles gut”. Das alleine ist schon eine subjektive Steigerung der Lebensqualität von 100%. Bedauere ich, dass ich keinen Kaffe trinke und jetzt so lange ohne Triptane durchgehalten habe? Nein, keine Sekunde!

3 Antworten zu “Tag 7 – Migräne am Morgen

  1. Sal März 13, 2011 um 04:22

    So geht es mir auch: Aufwachen, hineinhorchen. So lange ich mich nicht bewege, habe ich den Eindruck, dass alles gut ist. Aber manchmal reicht es schon, sich auf die Seite zu wälzen und der Schmerz ist da. Oder spätestens beim Aufsetzen. Noch keine voll-ausgewachsene Migräne, erst dieser dumpfe Schmerz, der einen von der Außenwelt abschneidet und zum Zombie macht. Wie in einen Nebel gepackt funktionert man gerade noch, kriegt aber vieles schon nicht mehr mit.
    Heute auch wieder. Wurde ein, zwei Stunden nach dem Aufstehen etwas besser, aber noch lauert der Druck, wabert mal vom Hinterkopf zur Stirn und zurück. Ich bin schon froh, dass ich auf den Monitor starren kann, an manchen Tagen gibt mir das den Rest. Ich warte jetzt also ab, was der Tag so bringt.
    Zum Frühstück habe ich einen Latte Macchiato getrunken… Sollte ich solche Genüssen auch aufeben? Ich werde mir wohl dieses Buch auch bestellen.

    Vielen Dank, dass du so ausführlich berichtest. Ich fühle mich ein wenig hoffnungsvoller. 🙂

  2. Frank Februar 19, 2013 um 22:19

    Herrlich!
    Du legst mir die Worte in den Kopf die ich schon so lange suche! Mir fällt es schwer meinen Kollegen zu erklären was das für ein Leben ist mit Migräne. Mithilfe deiner Texte sollte es ein wenig leichter fallen.

  3. tine September 13, 2013 um 04:39

    Oh, wie ist mir das alles so bekannt.

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