Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Triptane

Aufräumen macht (zumindest mir) nur Spaß, wenn man Dinge bewegt oder umräumt, die einen wichtigen Teil eigener Entwicklungen repräsentieren. Zum Beispiel wenn diese Dinge für einen Beginn oder einen Abschluß stehen – oder zumindest für eine klare Veränderung im Leben. So erging mir das heute morgen, als ich über eine angefangene Packung mit Sumatriptan auf meinem Nachttisch stolperte. Seit ich mein Migräne Projekt begonnen habe, habe ich die Schachtel natürlich nicht mehr angefasst, Triptane stehen auf der Verbotsliste. Das Beste ist aber, dass ich die Dinger gar nicht mehr gebraucht habe. Seit meinem durchgestandenen Coffein- und Triptanentzug hatte ich nur einen Tag leichte Kopfschmerzen, für die Ibuprofen mehr als ausgereicht hatte.  Das hat mich doch ein wenig nachdenklich gemacht.

Ich setzte mich mit der Tablettenschachtel aufs Bett und hatte eine Art Vorher-Nachher Empfinden. Vor dem Migräne Projekt und danach. Die letzten 15 Jahre bin ich nie, wirklich nie ohne Tabletten aus dem Haus gegangen. Als Migräne Aspirin nicht mehr half, waren die Triptane eine wunderbare Entdeckung, für mich eine der größten überhaupt. Nach Versuchen mit moderneren Triptanen wie Allegro (zu schwach) landete ich später bei Sumatriptan, das erste Triptan, das auf den Markt kam. Es kam mir vor wie eine himmlische Erlösung, diese Tablette war in der Lage, die schwersten Anfälle abzubrechen (auch wenns ca. 2 Stunden dauerte, bis sie richtig Wirkung zeigte). Damals dachte ich: Jetzt kann dir nichts mehr passieren, mit diesem Medikament wird dich nichts mehr aus der Bahn werfen. Das ging auch ein paar Jahre gut.

Mein Verbrauch war allerdings ziemlich hoch. Selbst an Tagen mit weniger schwerer Migräne musste ich auf Triptane zurückgreifen, sonst wäre ich nicht arbeitsfähig gewesen. Irgendwann half Sumatriptan nicht mehr hundertprozentig jedes Mal. Ich fühlte mich zunehmend groggy, auch wenn die Tablette wirkte blieb ein gewisser Nebel um mich herum. Und: ich versuchte, meinen Tablettenkonsum nicht zu sehr ausarten zu lassen, denn ich wusste, dass auch Triptane irgendwann nicht mehr helfen. Und was wäre dann? Diese Vorstellung war für lange Zeit eine der schlimmsten Katastrophen- Szenarien für mich, sie war so etwas wie der individualisierte Untergang der Titanic. Ich dachte damals: ohne diese Dinger werde ich nie mehr leben können. Wie groß meine Abhängigkeit von den Triptanen war, wurde mir selbst erst nach unserem Umzug in die USA klar. Amerikanische Bürokratie, besonders die innerhalb des Gesundheitssystems machten es mir nicht sofort möglich, einen Termin beim Arzt zu bekommen. Wenn man hier normal versichert ist und einen regulären Termin braucht, dann dauert das erst mal ein paar Wochen. Meine Triptane gingen aber zur Neige, ich hatte nur noch zwei Stück. Der Termin mit dem Arzt wurde auf zwei Monate später gelegt. Was dann passierte, war Textbuchverhalten von Menschen, die ein Suchtproblem haben.

Ich brach in Panik aus und zwar so ungebremst und direkt, wie ich das bisher nie in meinem Leben erfahren hatte. Ich setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um einen früheren Termin oder ein Rezept für Sumatriptan zu bekommen. Sachliche Telefonate mündeten in ärgerliche, die sich über Drohungen (ich werde zu einem anderen Health Care Provider wechseln, jawohl) bis zur Hysterie und Brüllereien mit der Verwaltungskraft steigerten. Ich ließ nicht locker, bis ich ein verdammtes Rezept in der Hand hatte und dann endlich – meine Pillen.

Heute morgen auf dem Bett sitzend, mit der Schachel Sumatriptan in der Hand, musste ich an diese Szene zurückdenken. Und wie viel sich in den letzten Wochen schon verändert hat. Ich gehe jetzt aus dem Haus, ohne über Schmerzmittel nachzudenken. Ich checke nicht ständig, ob meine Pillenration noch bis zum nächsten Arztbesuch reicht. Ich bin – unabhängiger und freier. Und das Beste: Ich habe mein Wohlbefinden mit der Migräne Diät selber in der Hand. Ich kann selber steuern, was ich esse und habe damit (seit 5 Wochen zumindest) eigene Gestaltungs- und Entscheidungskraft. Dieser Aspekt an sich ist schon so grandios, dass damit alle Mühen der Ernährungsumstellung fast ins bedeutungslose schrumpfen.

2 Antworten zu “Triptane

  1. Senny Januar 16, 2015 um 14:59

    Hey,
    ich kenne das Gefühl mit der Abhängigkeit von Sumatriptan auch ziemlich gut und deshalb finde ich Ihren Bericht sehr spannend.
    Anhand der Schilderungen kann ich mir aber nicht wirklich vorstellen, wie Ihr Projekt genau ausgesehen hat.

    Deshalb wollte ich fragen, ob Sie mir genauere Infos geben könnten?

    Vielen Dank
    Senny

    • Violetta Januar 17, 2015 um 10:50

      Hallo Senny,
      ich weiß jetzt nicht genau, was du mit genaueren Infos meinst. In diesem Blog habe ich so ziemlich alles aufgeschrieben, was ich selbst probiert habe. Der Ansatz des 1-2-3 Programms ist ein Ansatz, um aus der Triptanspirale herauszukommen, allerdings reicht dieser Ansatz nicht immer aus. Auch ich brauche zusätzliche Maßnahmen, um meine Migräne halbwegs im Griff zu behalten. Lies dir die Seiten „Wie alles anfing“ und „Das 1-2-3 Programm“ durch da sind schon mal die wesentlichen Dinge beschrieben. Detail gibts dann noch in einzelnen Blogposts und Kommentaren. Wenn du interesse an dieser Methode hast, dann empfehle ich, das Buch von Dr. Buchholz zu lesen. Spezifische Fragen beantworte ich gerne.
      Violetta

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