Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Migräne ist eine Krankheit – oder?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse in meiner persönlichen Migränegeschichte war die, dass Migräne eine ernstzunehmende Krankheit ist. Diese Erkenntnis kam nicht über Nacht, sie hat sich sehr langsam und unter Ge- und Missbrauch sehr vieler Schmerzmittel entwickelt. Viele, viele Jahre dachte ich, dass meine Kopfschmerzen, genauso wie die meiner Mutter und die meiner Urgroßmutter, ein Zipperlein wären, um die man besser nicht so ein großes Brimbamborium macht. Eine Frauensache irgendwie (dachte ich), genauso wie die Menstruation— hat auch weh getan. Gehört halt dazu, passiert halt, leiden viele drunter. Also: ist nicht so schlimm.

In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Ansicht glücklicherweise gründlich überholt. Jetzt weiß man, dass Migräne eine neurologische Erkrankung ist. Wichtig ist dabei das Wort Krankheit, denn Krankheit impliziert einen anderen Umgang mit Kopfschmerzen. Das Wort impliziert, dass ich zum Arzt gehe und solange in Behandlung bleibe, bis die Krankheit geheilt ist. Im Falle der Migräne gibt es noch immer keine Heilung, also bleibe ich mehr oder weniger mein Leben lang in Behandlung. Der Unterschied zwischen einer Krankheit und allen anderen Ausdrücken wie Beschwerden, Leiden oder auch Kopfschmerzen ist enorm. Das eine zieht dringenden Behandlungsbedarf nach sich, das andere nicht unbedingt.

Meiner Ansicht nach wird auf diesen Unterschied auch heute noch nicht ausreichend geachtet. Zum Beispiel die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. Ich denke mir so, dass da etwas in dieser Art stehen müsste:

„Migräne ist eine sehr ernstzunehmende Krankheit, die ihre allgemeine Lebensqualität erheblich herabsetzen kann, was bis zur Arbeitsunfähigkeit führen kann. Egal wie ihre Symptome gelagert sind, wenn sie öfters unter unangenehmen Kopfschmerzen leiden, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um die Krankheit Migräne handelt. Deshalb empfehlen wir, dass sie in jedem Fall zum Arzt gehen.“
Das Migräne Projekt

Aber was steht bei der Deutschen Migräne- und und Kopfschmerzgesellschaft? Ich zitiere:

„Viele Kopfschmerzen sind harmlos und können bei gelegentlichem Auftreten gut mit frei verkäuflichen Schmerzmitteln behandelt werden. Wenn Kopfschmerzen jedoch regelmäßig auftreten, nicht gut auf Schmerzmittel ansprechen oder im Verlauf eine ansteigende Attackenfrequenz aufweisen, sollte man einen Arzt konsultieren.“
Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V.

Man könnte jetzt behaupten, beide Sätze hätten den gleichen Inhalt. Ich bin allerdings der Ansicht, dass diese Sätze nicht den gleichen Inhalt haben. Die Version der DMKG teilt die Welt in zwei Teile, die mit den harmlosen Kopfschmerzen und die mit den ernsten Kopfschmerzen. Sie weisen nicht darauf hin, dass man unter allen Umständen mit dem Arzt über Kopfschmerzen reden sollte, weil es sich um einer schwerwiegende Krankheit handeln könnte. Sie helfen mit diesen Sätzen nicht dabei, den Menschen aus der Falle der Bagatellisierung von Migräne herauszuhelfen.

Ich denke überhaupt, dass Migräne auch mit den aktuellen neurologischen Erkenntnissen noch immer nicht ernst genug genommen wird. Wer kümmert sich eigentlich um die folgenden Fragen:
Leidet die Arbeit darunter? Die Leistungsfähigkeit? Der allgemeine Energielevel? Wie viele Migräniker haben sich aus dem Arbeitsleben auf die eine oder andere Art zurückgezogen, weil sie das Gefühl haben, es nicht mehr zu schaffen? Wie viele Migräniker fühlen sich irgendwie „behindert“, weil sie permanent kämpfen, mit ihrem Kopf, den Schmerzen, der damit einhergehenden Müdigkeit und Abgeschlagenheit?

Zu alledem frage ich mich immer, warum eigentlich die Migräne-Forschung keine Top-Priorität ist, obwohl so dermaßen viele Menschen darunter leiden. Die einzige mögliche Antwort, die mir dazu einfällt ist die: weil es nicht so schlimm ist.

5 Antworten zu “Migräne ist eine Krankheit – oder?

  1. Sal November 27, 2012 um 01:16

    Ich glaube, die richtige Antwort darauf ist: weil sich sonst nicht mehr so viel Geld damit verdienen ließe. Stell dir vor, Migräne wäre heilbar, wer würde denn dann noxh Triptane kaufen?

    Sal

    • dasmigraeneprojekt November 27, 2012 um 12:16

      Hallo Sal!
      Schön, dass du mal wieder reinschaust. Bis Migräne irgendwann mal heilbar ist, wird noch sehr, sehr viel Zeit vergehen, schätze ich. Auf dem Weg dahin könnte man noch viele Pillen entwickeln, mit denen sich gutes Geld verdienen lässt. Aber wer kennt schon die Strategien der Pharmaindustrie – vielleicht will man jetzt tatsächlich erst mal den hunderttausendfachen return of investment bei den Triptanen sehen, bevor man sich mit einer Weiterentwicklung befasst.
      Beste Grüße
      Violetta

  2. Frank Februar 19, 2013 um 22:11

    Diese Antwort ist zu einfach.
    Sicherlich haben viele Firmen in Triptane investiert und wollen daran verdienen. Aber es gibt noch viele weitere Firmen und Forscher die nicht an Tritan verdienen. Denen fällt leider auch keine Heilungsmöglichkeiten ein.
    Was ist eigentlich mit Forschungsgeldern vom Staat? Ist das ein Thema?

    • dasmigraeneprojekt Februar 20, 2013 um 10:08

      Das würde mich auch interessieren. In der Presse fanden sich in letzter Zeit ein paar Informationen, die das Thema Migräne weiterbringen. Zum Beispiel die Ergebnisse einer Studie, die dahinter kam, dass es DNA Marker gibt, die unter anderem für Migräne verantwortlich sein sollen. Aber dass unser Staat Interesse daran hätte, die Volkskrankheit Migräne zu bekämpfen, das habe ich noch nicht gehört. Und solange Zeitungen wie der Fokus (aber leider auch anspruchsvollere Organe) bei jeder Gelegenheit posaunen, dasss Migräne eine Folge von Stress ist (hier), wird das Thema auch nur langsam vorangehen. Hm,ich glaube, ich schreibe einen Post darüber.

      • Tanja September 21, 2014 um 02:09

        Bei mir ist eine Form der Migräne auf jeden Fall stressbedingt. Die andere hormonell und dann noch eine ernährungsbedingte sowie ein Rebound.

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