Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Wahrnehmen und Beschreiben von Migräne

imageIch erinnere mich noch genau an meine erste, große Migräneattacke—es war ein zutiefst irritierendes und verstörendes Erlebnis.

Ich muss gerade 30 geworden sein, es war wunderbares Wetter und ich saß mit einer Freundin in einem Café in Berlin am Ufer, draußen an einer der typischen Outdoor-Kombis bestehend aus Holztisch und -bank. Die Vögel zwitscherten, ich hatte ein großes Glas Apfelsaftschorle vor mir stehen und wir erzählten uns, was gerade so los war. Irgendwann begann ich mich unwohl zu fühlen. Diffus unwohl: Irgendwie nicht gut.
„Ist dir nicht gut“? fragte meine Freundin ein paar Minuten später.
„Ich weiß auch nicht,“ sagte ich. „Ich habe einen dicken Kopf und mir ist schlecht und schwindelig.“
Sie lachte, „na, das klingt so, als ob du gestern zu viel gefeiert hättest.“

Hatte ich aber nicht. Und ich konnte mir einfach nicht erklären, was das für komische Symptome waren. Zehn Minuten später dann hatte sich dieser seltsame Zustand ins Extrem gesteigert—ich saß auf meiner Bank wie eine Salzsäule, hielt mich an der Tischkante fest und konnte mich nicht mehr bewegen. Das schlimmste aber war: ich wusste nicht, was das war und ich konnte es in keinster Weise dem Thema Kopfschmerzen zuordnen. Meine Freundin wurde unruhig, sie musste los zur Arbeit.
„Tut mir sehr leid,“ sagte ich, „aber es geht mir so schlecht, dass ich einfach nicht aufstehen kann.“

Praktisch veranlagt beschloss sie, schnell in die Apotheke um die Ecke zu laufen. Mein Zustand hatte sich mittlerweile noch weiter verschlechtert—um mich herum rauschte es, ich konnte nicht mehr klar sehen und ich dachte, ich falle gleich tot um. Einatmen und ausatmen war das einzige, was gerade noch ging. Meine Freundin kam mit dem universalen Allzweckmittel zurück, Aspirin. Wahrscheinlich dachte sie, falls es doch ein Kater ist oder was auch immer—es gibt eine gewisse Chance, dass es hilft. Und sie hatte recht. Ich warf eine hohe Dosis Aspirin ein und eine halbe Stunde später schüttelte ich den Kopf und dachte: Was war das denn?

Es dauerte viele, viele Jahre, bis ich erkannt habe, was das war. Es gab einfach niemanden, der mir das damals oder auch später genau hätte sagen können. Ich war jetzt nicht der Typ, der nach so einem Ereignis die Ärzte abklappert und sagt: ich muss wissen, was mit mir los ist. Irgendwann später kam ich selbst drauf, dass das eine Art Kopfschmerzen war, denn mit der Zeit kamen sie ja dann öfters. Aber dieses dedizierte Wissen, wie sich Migränen manifestieren können und dass sie auch Formen annehmen können, die nicht in erster Linie aus einem Schmerz bestehen, den man klar im Kopf lokalisieren kann—das wusste ich und leider auch meine Ärzte lange später noch nicht.

Selbst als ich dann viele, viele Jahre später zu einem Schmerzspezialisten ging, fragte der mich nur nach pochendem oder dumpf-drückendem Schmerz. Und obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon so viele Jahre klassische Migräne hatte, konnte ich diese Frage nicht eindeutig beantworten. Meine Migräne pochte immer erst, wenn es mir so richtig schlecht ging. Als die Migräne noch dabei war, sich zu manifestieren, da habe ich sie meistens als dumpf drückend erlebt. In Wahrheit aber war sie einfach noch nicht so stark, dass sie angefangen hätte zu pochen. Mit vielen meiner Zwischenzustände oder der Prä-Migränephase verhielt es sich genauso. Ich konnte dem Arzt einfach nicht klar sagen, was für eine Art Kopfschmerzen ich hatte. Erst viel später habe ich gelernt, dass es bei mir fließende Übergänge gibt.

Die klassische Definition sagt: Spannungskopfschmerz ist dumpf-drückend und harmlos—Migräne ist pochend und nicht harmlos. Wenn das stimmen würde, dann hätte sich bei mir aus einem Spannungskopfschmerz über die Jahre eine Migräne entwickelt. Das ist natürlich nicht der Fall, Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die oft vererbt wird. In meiner mütterlichen Linie hatten fast alle Migräne. Männer sowie Frauen. Der dumpf-drückende Schmerz, den ich wahrnahm, war in Wahrheit eine Migräne. So waren die Migränen am Anfang meiner Migränekarriere und seither haben sie sich immer nur gesteigert—bis zu dem Punkt, als ich die Migränediät angefangen habe. Manchmal frage ich mich, ob man in diesem Stadium nicht irgendetwas hätte machen können oder sollen, damit die Migräne sich nicht weiter verschlimmert. Das ist einer der Gründe übrigens warum ich im Artikel vorher so auf den Begriff Krankheit poche. Bei Menschen, die zum Beispiel Multiple Sklerose haben, ist es essentiell, dass sie so früh wie möglich behandelt werden. Nicht weil die Krankheit heilbar wäre, sondern weil man verhindern möchte, dass sie sich weiter verschlimmert.

Aber noch wichtiger als das wäre gewesen, dass ich selbst gleich gewusst hätte, wie sich Migränen anfühlen können. Irgendwann kamen ja dann die Halluzinationen dazu, darüber habe ich hier schon mal geschrieben. Aber nicht mal die Ärzte wissen das oder haben das in meiner Migränekarriere jemals gewusst. Die meisten arbeiten noch immer mit dem Bild des Spannungskopfschmerzes (dumpf-drückend und harmlos) und des Migräne-Kopfschmerzes (pochend und nicht harmlos).

So einfach dichotom: harmlos-böse, entweder-oder, schwarz-weiß, ist die Migränewelt in meiner Erfahrung nicht. Migräne kann sich sehr unterschiedlich äußern, sie kann äußerst diffus daherkommen. Dr. Buchholz widmet diesem Thema sogar ein ganzes Kapitel: „The Spectrum of Non-Headache Migraine“.

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