Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Migräne am Arbeitsplatz

lrEine große Firma in einer deutschen Großstadt. Eine Angestellte sitzt seit 25 Minuten in einer verschlossenen Toilettenkabine. Der Toilettendeckel ist geschlossen, in der Hand hält sie große Mengen an Papiertüchern. Ihr Oberkörper ist so weit zur Seite gekippt, dass die rechte Schulter und der Kopf gegen die Wand der Kabine lehnen. Sie ist blass, hat dunkle Ringe unter den Augen und zittert leicht.

Was ist da los? Ist diese Frau ein ärztlicher Notfall? Ist sie vielleicht drogenabhängig? Falsch. Das bin ich. Zum Beispiel in 2006. Ich kam gerade aus einem Meeting, als die Migräne einsetzte. Das Triptan, das ich sofort aber schon mit zitternden Händen eingeworfen habe, wirkt noch nicht. Ich weiß genau, ich muss jetzt irgendwie die nächsten 30 bis 60 Minuten überstehen, ohne mich zu übergeben. Dann schaffe ich vielleicht noch das wichtige 14 Uhr Meeting, auf das ich mich die ganze Woche vorbereitet habe. Jedes mal wenn jemand in der Nachbarkabine auf die Toilette geht, hoffe ich, dass keiner Verdacht schöpft, dass ich mich hier eingeschlossen habe. Erst letzte Woche bin ich mittags schon nachhause gegangen. Ich kann nicht schon wieder ausfallen. Wie schlimm kann Migräne denn sein? Ich kann es niemandem verständlich machen, denke ich.

Das geht wahrscheinlich vielen so, denn es ist schon bemerkenswert, dass mehr als die Hälfte aller migränekranken Deutschen nicht in ärztlicher Behandlung sind. Migräne macht viele Menschen arbeitsunfähig. Oder auch: sie sollten arbeitsunfähig sein, aber sie schleppen sich durch. So wie ich damals.

Die Wirtschafts-Statistiker dieser Welt kommen langsam dahinter, dass Migräne der Wirtschaft Geld kostet. Siehe hier. Sie kostet aber auch den Betroffenen etwas, nämlich ihre Lebensqualität.

Ich habe in der deutschen Presse extrem wenige Angebote gefunden, Migränepatienten im Umgang mit ihrem Arbeitsalltag zu beraten und zu unterstützen. In Amerika ist man da schon weiter. Da wird offen darüber gesprochen, dass Migräne eine Einschränkung und Behinderung darstellt. Gruppen wie die Migraine Awareness Group beraten und sprechen diese Themen an, versuchen die landläufige Meinung zu korrigieren, dass Migräne eine andere Art von Kopfschmerzen und eigentlich harmlos sei. Unter anderem setzen sie sich auch dafür ein, dass Migräne als Behinderung anerkannt wird. Das Kriterium sind u.a. vernichtende and lang andauernde Attacken die mehr als 2-3 mal im Monat auftreten. In meiner Zeit vor der Migränediät hätte ich dieses Kriterium erfüllt. Autsch.

Änderungen fangen übrigens wie immer bei uns selber an. Wer—wie es bei mir der Fall war—häufig Migräne hat, der ist gut beraten, damit offensiv umzugehen und sich ganz genau zu überlegen, welches Berufsmodell zu seiner Einschränkung passt. Ich habe irgendwann eingesehen, dass ein Job, der mir nicht die Flexibilität erlaubt, mich zwischendurch mal zwei Stunden ins Bett zu legen und dann weiterzuarbeiten, nichts für mich ist.

11 Antworten zu “Migräne am Arbeitsplatz

  1. SunnyNini Februar 5, 2013 um 12:13

    Hallo!
    Vielen dank für deinen tollen blog!ich bin durch zufall darauf gestossen und habe mir sofort das buch bestellt,nachdem ich jeden deiner artikel gelesen habe.nun habe ich die 2wochen entzug hinter mir und ich habe wirklich große hoffnung,dass dieser ansatz mir endlich hilft!!
    ich habe ein paar fragen an dich wenn das ok ist.
    kannst du mir sagen wie es sich mit aufbackbrötchen verhält?kann ich die essen oder nicht?muss ich da auch 24h warten?
    was benutzt du als aufschnitt?ich finde absolut keine wurst oder marmelade zb.vielleicht hast du ja einen tip für mich?
    was ist nun mit käse?darf man jungen käse oder nur in ausnahmefällen oder gar nicht?das wurde mir nicht wirklich klar…
    tut mir leid,dass es so lang geworden ist,aber mir tun sich immermehr fragen auf und das waren jetzt nur so die wichtigsten. ich stehe nun ständig im supermarkt und gehe frustriert nach hause,weil ich wieder nichts gefunden habe.

    vielen dank schonmal und ich wünsche dir weiterhin alles gute und viel erfolg!!

    • dasmigraeneprojekt Februar 6, 2013 um 10:15

      Hi,
      danke für deinen Kommentar. Das frustriert im Supermarkt stehen kenne ich gut. Man muss erst mal jedes Produkt neu begutachten und bewerten—sehr anstrengend. Das läßt dann aber nach, wenn man erst mal durch ist. Da dieser Blog ja dazu gedacht ist, anderen eine Alternative anzubieten, beantworte ich deine Fragen gern.

      Brot und Brötchen: ich persönlich reagiere nicht so extrem auf frische Hefe, deswegen ignoriere ich mittlerweile die 24 Stunden Regel. In den ersten drei Monaten sollte man sich allerdings dran halten, damit man auch wirklich herausbekommt, wovon man nun Migräne bekommt. Grundsätzlich sind Brot und Brötchen schwierig, weil mittlerweile auch das meiste helle Mehl gemalzt ist, also Glutamat enthält (wenn auch nicht so schrecklich viel, denke ich. Da aber Glutamat für Migräniker sehr oft der Trigger Nummer 1 ist, sollte man da auch erst mal aufpassen). In Englisch steht da immer „malted barley“ drauf, ich weiß jetzt nicht, was da genau in Deutsch steht. Aufbackbrötchen-hmm. Dieses Zeug ist meistens verseucht, mindestens mit Glutamat. Da hilft nur, ganz genau die Inhaltsangaben zu lesen und mit der Glutamat Liste zu vergleichen. Ich persönlich würde auf Nummer sicher gehen und weder Aufbackbrötchen noch Brot oder Brötchen vom Kettenbäcker essen. Bleibt nur der Bioladen. Oder selber backen, so wie es mache.

      Brotauflagen: Ich esse: Biomarmeladen (Himbeere, Blaubeere), Honig, Agavensirup, Roastbeef (frisch aufgeschnittenes), selbstgekochte aufgeschnittene Hühnerbrust, Ei, Humus aus dem Bioladen. Dazu kommen noch die vielen selbstgemachten vegetarischen Aufstriche, die ich in diversen Kochbüchern gefunden habe. Ganz jungen Käse darf man in Maßen, ich habe den erst mal komplett weggelassen. Jetzt esse ich ab und zu ein bisschen Käse, aber ich spüre, dass das generell schwierig ist und nicht gut für den Kopf.

      Auch bei anderen Waren bin ich übrigens nur im Bioladen fündig geworden. Zum Beispiel Tiefkühlpommes.

      Ich hoffe, das hilft. Weitere Fragen beantworte ich gerne.
      Violetta

  2. Sal Februar 6, 2013 um 05:45

    Das koennte auch ich gewesen sein. Montag erst hab ich mich auf dem Klo eingeschlossen, bis die Tablette wirkte (Maxalt, wirkt bei mir recht schnell, weil direkt ueber Mundschleimhaut).

  3. duhmi Februar 9, 2013 um 03:53

    Ich bin durch Zufall heute morgen auf deinem Blog gelandet – welch ein Glück! In den vergangenen Stunden habe ich mich immer wieder durch deine Seiten geklickt und festgestellt, dass ich viele Passagen exakt so auch hätte schreiben können. (( Leider bekomme ich jedes Mal, wenn ich etwas zum Thema Migräne lese, sofort Kopfschmerzen -zumindest im Ansatz-……meist erwische ich mich nach ein paar Minuten dabei, wie ich mir mein linkes Auge reibe, in unbewusster Reaktion auf das warme Gefühl in der linken Gesichtshälfte……. verrückt! ))

    Deine Gedanken und Gefühle sind mir so vertraut. Die Beschreibung in diesem Artikel hier hat mich schaudern lassen und mich an eine Zeit bis vor 5 Jahren erinnert, als ich noch in D lebte (inzwischen lebe ich im Ausland), und mich durch die Bürotage quälte. Diese Art Arbeitssituation habe ich in den letzten Jahren zwar nicht mehr erlebt, und auch die unzähligen Arztbesuche und Therapieversuche (in D) sind Vergangenheit — aber die Migräne ist geblieben. Allein der Alltags- und Klimawechsel half bei mir also nicht.

    Zur Zeit – d.h. seit einigen Monaten – ist es wieder sehr schlimm. Unser Haus ist mit Tablettenpackungen übersäht, meine Handtasche mit mindestens fünf verschiedenen Schmerzmitteln + Triptan gefüllt, und mein Alltag ist von Kopfschmerzen (oder der Angst davor) bestimmt. Mir einzugestehen, dass ich von meinen Medikamenten abhängig bin, macht mir schwer zu schaffen. Das ich einen „Entzug“ brauche, umso mehr. Aber es ist an der Zeit, mich dem zu stellen!

    Die Liste mit zu vermeidenden Lebensmitteln ist für mich nicht neu – aber weil’s so unbequem ist, habe ich das ganze Ernährungsumstellungskonzept Jahr für Jahr (inzwischen 11) verleugnet — weil ich viel Kaffee trinke, Tomaten und Käse liebe und gerne Schokolade nasche! Kann es wirklich so „einfach“ sein….?

    Es ist an der Zeit, es herauszufinden! Dein Blog hat mich gerade im genau richtigen Moment erreicht! Danke!

    Herzliche Grüße!

    • dasmigraeneprojekt Februar 9, 2013 um 22:12

      Danke für dein Feedback – es ist immer interessant mitzubekommen, wie es anderen mit der Migräne so geht. Ich wünsche dir, dass du einen Weg findest. Falls du das Buchholz Buch kaufst und diese Methode versuchst, würde ich mich natürlich ganz besonders über eine weitere Rückmeldung freuen.
      Die Angst vor der nächsten Migräne kenne ich gut. Wäre vielleicht nochmal einen extra Artikel wert…
      Beste Grüße
      Violetta

  4. hellga Februar 21, 2013 um 05:23

    Hallo Violetta,
    wie scheinbar die meisten hier hab auch ich dein Blog durch Zufall entdeckt, für sehr interessant befunden und mir das Buch zugelegt. Nach gehäuften Migränen in letzter Zeit sah ich da enormen Handlungsbedarf… Ich finde das Buch sehr interessant und möchte die Ansätze auch ausprobieren. Der Schreibstil ist mir nur ein wenig zu Amerikanisch aber manches kann man ja einfach überfliegen! 😉 Jedenfalls finde ich es sehr toll und ermutigend über dein Blog quasi schon einen Erfahrungsbericht zu sehn und wie sich das bei dir so entwickelt hat/weiterentwickelt. Als ich das Buch gelesen hab kam in mir irgendwie der Verdacht auf dass es in manchen Phasen sicher hilfreich wäre einen Arzt o.Ä an seiner Seite zu haben, wenn einen der Mut verlässt oder man unsicher ist in vielen Dingen. Du hast ja geschrieben du hättest deinen Hausarzt davon überzeugt, ich denke die meisten Ärzte wissen von diesem Behandlungsansatz leider rein gar nichts. Mittlerweile bin ich deshalb auch völlig davon abgekommen mal zu einem Spezialisten zu gehen wenn ich auf der Startseite diverser Praxen schon lese welche verschiedenen Arten von Kopschmerzen es gibt und was sie alles für Tests mit einem machen. Meinen Hausarzt zu bekehren halt ich auch nicht für sinnvoll, ICH will ja Hilfe haben und nicht belehren. Meine Frage wäre somit eigentlich, weißt du ob es in Deutschland Verfechter von Buchholz‘ Theorien gibt auf Seiten der Ärzte? Falls ja, konntest du schon einen auftreiben? Ich wüsste nichtmal wo/wie ich da anfangen könnte mit Suchen. Und falls du es in irgendeinem deiner Einträge schon geschrieben hast, ich bin leider noch nicht bis in dein Archiv vorgedrungen!! 😉
    Viele Grüße und danke für dein tolles Blog
    Tanja

    • dasmigraeneprojekt Februar 22, 2013 um 14:55

      Ich bin schon einige Jahre nicht mehr in Deutschland gewesen, ich weiß auch nur, was ich online so finde. Der Hausarzt, den ich „überzeugt“ habe, war ein amerikanischer, der dann im Laufe meines Selbstversuches über den Behandlungsansatz in einem wissenschaftlichen Magazin gelesen hatte. Mein Eindruck war es bisher nicht, dass der Ansatz von Dr. Buchholz und der John Hopkins Klinik in Baltimore irgendwo in Deutschland rezipiert worden wären. Das ist einer der Gründe, warum ich in meinem Artikel „Der Stand der Forschung„, der schon zwei Jahre alt ist, so kritisch mit der deutschen Migräne und Kopfschmerzgesellschaft umgehe. Die verbreitet noch immer, dass es keinen Ernährungsansatz gäbe der helfen könnte, die Triggergrenze zu verschieben. Insofern gehe ich davon aus, dass die deutschen Ärzte im Allgemeinen auch diese Ansicht der DMKG verteten. Tut mir leid, dass ich nicht mehr dazu beitragen kann. Danke für deinen Kommentar, freut mich immer.

  5. Olga Juli 11, 2013 um 02:01

    ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich esse sehr wenig der beschriebenen, verbotenen Lebensmittel, bin Vegetarier und trinke keinen Kaffee, Alkohol etc. Gibt es nicht noch andere Ursachen für Migräne? Gerade die Szene bei der Arbeit kenne ich auch, dass ich mich auf dem Klo einschließen muss, damit niemand sieht, wie schlecht es mir geht. Vielleicht wäre ein kombinierter Ansatz gut, der Ernährung mit einschließt.

    • dasmigraeneprojekt Juli 11, 2013 um 12:24

      Olga,
      ich stimme dir zu, das alles ist kompliziert. Die Diät klingt genau deshalb so radikal, weil man, um herauszufinden auf welche Lebensmittel-Trigger man reagiert, erst mal alle Trigger die bekannt sind weglassen muss. Das bedeutet, wenn du zum Beispiel alle Trigger weglässt bis auf einen, dann ist alles schon umsonst gewesen. Wenn du zum Beispiel Malzkaffee trinkst und nicht weißt, dass da viel Glutamat drin ist, dann kannst du so wenig Kaffee und Tee trinken wie du willst, du bekommst doch Migräne. Oder wenn du als Vegetarier viele asiatische Mahlzeiten isst, oder Sojasauce. Ich bringe diese Beispiele, weil mir das so gegangen wäre, als ich mit der Diät angefangen habe, wenn ich das Buch nicht gründlich gelesen hätte. Ich habe z.B. Malzkaffe als gesunde Alternative zu anderen Getränken früher im Mengen getrunken. Ich hätte jeden Tag Thailändisch essen können. Deshalb klappt dieser Diät-Ansatz hier nur, wenn man den ganz systematisch angeht.
      Ansonsten hast du natürlich absolut recht: Migräne kann durch viele Faktoren ausgelöst werden. Nicht nur Lebensmittel. Wetter, Stress, Gerüche, Hormone, alles kann Migräne auslösen. Das macht die ganze Sache noch schwerer. Aber: Lebensmittel sind eine große Stellschraube und für viele lohnt es sich, das auszuprobieren. Bei vielen klappts, sicher nicht bei allen.

  6. Olga Juli 12, 2013 um 06:31

    Ok, danke. das klingt sehr vernünftig. Ich werde es ausprobieren, denn ich muss jetzt endlich was tun!

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