Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Violetta erzählt von ihrer Migräne

Das hier ist der erste Artikel der Serie: Erzähl deine Geschichte.
Mit dieser Serie lade ich andere Migräniker ein, von sich zu erzählen.
Bevor ich nun andere zum Interview bitte dachte ich  mir, es wäre nur fair, selbst anzufangen.
Hier ist also die erste Folge.

  1. Wie nennst du deine Migräne, welche Worte hast du dafür?

Manchmal denke ich, ich habe einen inneren Wettbewerb gestartet, die größtmögliche Untertreibung zu finden, die irgendwie machbar ist. Ich habe so ein paar Standardsätze, mit denen ich meine Migräne beschreibe. Besonders meiner Beziehung gegenüber versuche ich meine Migräne kleinzureden oder zu verniedlichen. Das ist total idiotisch, weil diese Migräne seit über zehn Jahren Teil unseres Beziehungslebens ist. Aber ich mache es trotzdem. „Ich hab ein bisschen eine dicke Birne,“ sage ich gerne. Oder meistens: „Ich spüre meinen Kopf.“ Nun ja, wenn ich meinen Kopf nicht mehr spüren würde, dann wäre das sicher ein größerer Anlass zur Beunruhigung.
Trotzdem darf die Migräne manchmal auch Monstermigräne heißen.

  1. Seit wann hast du Migräne und wie hat sie sich über die Jahre verändert?

Mindestens fünf Jahre habe ich mich gewundert und Aspirin genommen. Weitere fünf Jahre hat es gedauert bis ich zum Arzt gegangen bin und gesagt habe: so geht das nicht weiter.
Über die Jahre ist meine Migräne sehr langsam aber kontinuierlich stärker geworden. Ich fand es immer sehr schwierig, klar wahrzunehmen, wie sich die Migräne entwickelt, weil es immer bessere und schlechtere Phasen gab. Seit ich die Migränediät mache und meine Migräne um 60-80% besser geworden ist, kann ich rückblickend sehr genau sagen, dass meine Migräne über die Jahre immer schlimmer geworden war.

  1. Würdest du sagen, deine Migräne ist eine Krankheit?

Ja. Eine irgendwie heimliche und extreme einschränkende Krankheit.

  1.  Wie bewältigst du Migräne-Attacken am Arbeitsplatz?

Zum Glück bin ich jetzt selbständig und arbeite viel von zuhause aus. Das macht alles einfacher. Als ich noch Consultant war und viel gereist bin, war das extrem problematisch. Wenn man irgendwo in der Welt bei einem Kunden sitzt der einen erwartungsvoll anschaut, dann tut man alles, um die Schmerzen so schnell wie möglich zu beseitigen. Sprich: Schmerzmittel einwerfen ohne Rücksicht auf Verluste. Es gab Tage, da bin ich im Hotel mit rasender Migräne aufgewacht. Was macht man da? Schmerzmittel rein, eine Stunde länger im Bett bleiben und dann wieder losrennen. Oder eher torkeln.
Später dann hatte ich einen Job ohne Reisen, das hat das Leben einfacher gemacht. Aber in welcher deutschen Firma gucken sie gelassen zu, wenn man alle ein bis zwei Wochen einen Tag fehlt oder zwei? Unmöglich. Also wieder: Schmerzmittel rein und durchhalten.
Ich habe insgesamt gesehen extrem viel Zeit auf der Toilette verbracht, ich habe schon überlegt, ein Bild aufzuhängen und Vorhänge anzubringen. Aber die Geschichte habe ich letzt schon gepostet.

  1.  Was und/oder wer hat dir am meisten geholfen, mit der Migräne umzugehen?

Am meisten hat mir die Einsicht geholfen, dass Migräne eine Krankheit ist. Und die kam erst nach 10 Jahren. Da wusste ich, dass ich mein Leben ändern muss, weil ich mich um mich und meine Krankheit kümmern muss.

  1.  Was hat dir am wenigsten geholfen, mit der Migräne umzugehen? Was war der nutzloseste Ratschlag, den du jemals bekommen hast?

Machen sie doch mal Therapie.
Machen sie Entspannungsübungen. Da muss ich doch nochmal ausholen. Der Migränespezialist, bei dem ich war, hat mir empfohlen, Entspannungsübungen zu machen. Ich denke, das ist grundsätzlich sicher keine schlechte Idee, allerdings muss ich auch keine Migränespezialistin sein, um darauf zu kommen. Man darf sich nicht vormachen, damit die Migräne besiegen zu können. Ich habe damals zwei mal in der Woche Yoga gemacht und die Migräne wurde immer schlimmer. Jetzt weiß ich, dass bestimmte Lebensmittel sehr starke Trigger sind für mich. Da kann ich so viel entspannen, wie ich will. Wenn ich zum Thai gehen und zu viel MSG zu mir nehme, dann bekomme ich immer Migräne. Wenn ich in einer Kantine esse, dann bekomme ich immer Migräne.

  1.  Was ist die absurdeste/lustigste/schrecklichste/denkwürdigste Situation, in die die Migräne dich gebracht hat?

Völlig absurd war unser Auszug aus unserer letzten Wohnung. Als der Umzug schon geschafft war und die Wohnung leer war (ich meine wirklich leer, kein Kistchen mehr, alles gefegt, nur mein geschätzter Lebenspartner, meine Handtasche und ich), setzte innerhalb von zehn Minuten eine Super-Monstermigräne ein. Die Triptane haben vierzig Minuten gebraucht, bis dahin lag ich kerzengerade ausgestreckt auf dem Boden. Konnte mich nicht rühren und nicht sprechen. Von außen muss ich wie eine Leiche ausgesehen haben. Der geschätzte Lebenspartner, erfahren mit solchen Situationen, hat sich geduldig die Zeit vertrieben, bis ich wieder sprechen und aufstehen konnte. Als ich endlich das erste mal den Kopf hob sagte er: jetzt habe ich aber wirklich Hunger.

  1.  Was würdest du anderen Menschen mit Migräne empfehlen?

Migräne als Krankheit akzeptieren. Für sich sorgen, das Leben so einrichten, dass man mit der Migräne leben kann. Einsehen, dass die Migräne sich niemals mit Gewalt in die Knie zwingen lassen wird.
Niemals aufgeben. Ärzte extrem kritisch beurteilen und wenn es sein muss, zehn oder zwanzig verschiedene aufsuchen, bis man einen gefunden hat, bei dem man sich aufgehoben fühlt.
Für sich selbst mit seiner Krankheit kämpfen. So wie man das auch machen würde, wenn man eine körperliche Behinderung oder eine andere anerkannte Krankheit hätte.

Eine Antwort zu “Violetta erzählt von ihrer Migräne

  1. Sal März 5, 2013 um 09:37

    Vieles davon kommt mir sehr, sehr bekannt vor.
    Und es erschreckt mich immer wieder, dass weder man selbst, noch die Ärzte, noch die Gesellschaft, Migräne ernst nehmen.
    Wie du schon sagst, man verniedlicht und beißt sich durch.
    Dabei sollte mit Migräne offener umgegangen werden.
    Nur leider verstehen Nicht-Betroffene nicht, wovon man spricht. Sie können weder die Schmerzen, noch die Übelkeit, noch die eingeschränkte Sicht und Bewegungsfähigkeit verstehen und behaupten, man stelle sich an.

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