Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

SWF betrifft: Volkskrankheit Migräne. Eine Rückschau.

Der Südwestfunk hat vor kurzem eine ausführliche Sendung über Behandlungsmöglichkeiten bei Migräne ausgestrahlt. Wer sie verpasst hat, kann sie sich hier in der Mediathek anschauen.

Ich habe die Sendung mit einem lachenden und einem weinenden Auge angesehen. Grundsätzlich bin ich immer froh, wenn das Thema Migräne ernsthaft von den Medien aufgegriffen wird. Die Autoren der Sendung haben sich an die Spezialisten gehalten, die wir in Deutschland haben, und die gab es, wer mitgezählt hat, in genau drei deutschen Städten.

Was der Film äußerst erfolgreich geleistet hat ist, mit dem Vorurteil aufzuräumen, Migräne sei eine Lappalie. Lediglich die nicht sehr gelungene und deutlich sichtbar mit einer Schauspielerin besetze Eingangssequenz, bei der eine Frau auf einer Fähre eine Migräneattacke bekommt und in die Schmerzklinik in Kiel gebracht wird, wirkt daneben. Ansonsten wurde von Migränikern selbst berichtet. Ein kleiner Junge, der eine migränegeplagte Mutter und einen migränegeplagten großen Bruder hat, sehnt sich mit trauriger Ernsthaftigkeit danach, einfach mal ein schönes, gemeinsames Wochenende mit seiner Familie zu haben. Eine junge Frau erzählt, dass sie ihren Job verloren hat und an Selbstmord gedacht hat. Eine ganze Familie sitzt da und heult, weil sie ihrem Sohn nicht mehr helfen können. Betroffene kommen ausreichend zu Wort und zeigen, dass es hier um mehr geht, als einfach nur Kopfschmerzen.

Da ist es wirklich schade, dass die Autoren es bei aller Fachberatung nicht geschafft haben, den Unterschied zwischen Kopfschmerzen und Migräne klar zu machen. Besonders der Teil aus der Klinik Dr. Brand in Königstein verwischt die Grenzen zwischen Kopfschmerzen und Migräne und scheitert damit an einer ganz wichtigen Aufgabe der Aufklärung über Migräne. Nämlich dass Kopfschmerzen keine Migräne sind. Ausgiebig werden hier Statistiken bemüht und Behandlungsansätze vorgestellt, die alle mit dem Label Kopfschmerzen bezeichnet werden. Zum Beispiel berichtet Dr. Charly Gaul, der Chefarzt, dass jedes zweite Kind in der Grundschule Kopfschmerzen hätte und Tabletten dagegen nehmen würde. Auch sagt er: „Gerade Jugendliche haben wenig freie Zeit zur Verfügung und das ist sicherlich der Grund, dass Kopfschmerzen dann bei denen immer häufiger auftreten.“ Solche Aussagen sind in einem Film über Migräne extrem irreführend, weil man sich dann doch die Frage stellt, ob das alles irgendwie zusammenhängt. Dann werden Entspannungsmethoden vorgestellt, und versehen mit der Aussage: „So lassen sich langfristig Kopfschmerzen vermeiden.“ Allerdings geht es in diesem Film um Migräne. Nicht um Kopfschmerzen. Hier ist das Ziel meiner Ansicht nach klar verfehlt worden. Schlimmer gar, es wurde eine Plattform geschaffen dafür weiter zu glauben, dass Kopfschmerzen und Migräne ähnlich sind und ähnlich behandelt werden können. Nochmal zu Mitschreiben: Diese Annahmen sind falsch. Entspannunngsübungen richten im Gegensatz zu Spannungskopfschmerzen bei Migräne so gut wie gar nichts aus.

An vielen Stellen wird von den gut genährten Herren Oberärzten, deren Kliniken sich zufälligerweise an den besten Immobilienstandorten ihrer Städte befinden, überhaupt zu viel geschäftstüchtiger Optimismus ausgestrahlt. Der Film ist natürlich eine super Werbung, die richtig viele Kunden bringt. Aber zu behaupten, Migräne wäre doch heute kein Problem mehr, die Leute müssten sich nur an die richtigen Fachleute (nämlich sie selber) wenden und schon wäre alles gelöst—das ist wirklich dreist. Man kommt sich vor wie beim Autohändler. Herr Dr. Göbel von der Schmerzklinik in Kiel stellt sogar eine Behauptung auf, die so falsch ist, dass alle Migräniker und Ärzte zusammen in Tränen ausbrechen, wenn sie das hören. „Man sagt immer, Migräne sei nicht heilbar. Das stimmt aber nicht, Migräne ist sehr gut behandelbar.“ Erstens: Heilen und behandeln sind zwei unterschiedliche Dinge. Zweitens: Migräne ist nicht heilbar. Mann weiß ja noch nicht mal, was die wahre Ursache von  Migräne ist. Migräne kann behandelt und gemanagt werden. That’s it. Jede/r Migräniker/in weiß, dass jede Migräne anders tickt und es furchtbar schwer, für viele unmöglich ist, eine Behandlung zu finden, die die Migräne wirklich managt. Bei manchen hilft ein Ansatz, der bei anderen nicht hilft und umgekehrt. Auch die natürlich teuren und im Film sehr gepriesenen Implantate (bei 20 Patienten in Deutschland bisher eingesetzt) helfen bei vielen Menschen nicht. Ich kenne hier in den USA haufenweise Blogger die von ihren sehr gemischten bis schlechten Erfahrungen mit Implantaten berichtet haben. Was soll also dieses Glücksversprechen? Auch Menschen, die von den besten Migränefachleuten behandelt werden, werden nicht immer erlöst. Das ist eine sehr unbequeme und grausame Wahrheit und ich hätte mir gewünscht, dass diese auch ausgesprochen worden wäre.

Leider sind bei dieser Konzentration auf Implantate (extremer Ansatz) und Entspannungsübungen (banaler und bei 99% der Migräniker nicht hilfreicher Ansatz) alle anderen Behandlungsoptionen unter den Tisch gefallen. Die erprobtesten und bisher erfolgreichsten Ansätze, Migräne zu managen bestehen zurzeit (bei aller Umstrittenheit wegen der Nebenwirkungen) noch immer in der medikamentösen Prophylaxe. Das ist nicht besprochen worden und damit hat der Film klar versagt in seinem Ziel, die gängigen Behandlungsmethoden zu erklären. Oder Sport. Billig aber oft wirkungsvoll. Natürlich hätte dazu auch der Ernährungsansatz zur Vermeidung von Nahrungsmitteltriggern gehört, aber ich weiß ja, dass dieses Thema in Deutschland immernoch ignoriert wird. Damit verdient man als Chefarzt ja auch kein Geld.

Wichtig, gut und nützlich die Warnung vor Triptanen. Das Beispiel mit der Schlaganfallpatientin in der Kieler Schmerzklinik ist sicher am oberen, seltenen Ende der Gefährlichkeitsskala, nichtsdestotrotz ist der Gedanke richtig. Dr. Göbels Ansatz, zu sagen: „Wir brauchen keine gefäßverengenden Mittel, wir brauchen entzündungshemmende Mittel“ finde ich interssant und richtig weiterzuverfolgen. Ich habe von einer Frau, die die Schmerzklinik in Kiel besucht hat erzählt bekommen, dass sie mit Cortison behandelt worden ist. Ob das nun der Weisheit letzter Schluss ist, glaube ich persönlich nicht, aber vielleicht finden sich da ja auf die Dauer schlauere Ansätze.

Obwohl der Film in zentralen Themen rund um das Thema Migräne versagt hat, ist er doch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. An seinen Schwächen wird deutlich, wie komplex und schwierig das Thema ist. Was wir brauchen ist eine Diskussion, umfassende Aufzuklärung und Informationen. Das fängt vor allem bei den Ärzten an. Trotzdem wissen wir Migräniker, dass wir, wenn wir uns nicht selber schlau machen, verloren sind. Deshalb ist ein Film wie dieser wichtig. Auch wenn wir hoffen, dass bei nächster Gelegenheit irgendwo ein besserer gedreht wird.

Eine Antwort zu “SWF betrifft: Volkskrankheit Migräne. Eine Rückschau.

  1. Murielle März 21, 2014 um 17:59

    Liebe Violetta,

    ich kann Dir nur zustimmen und danken für diese kritische Zusammenfassung!!
    Auch wenn auf der einen Seite der Beitrag helfen kann, Migräne als ernstzunehmende Erkrankung anzuerkennen, so wird doch auch vieles verharmlost.

    Vor allem die PR für das Implantat hat mich sehr geärgert. Aber wenn man in das Forum der Kieler Schmerzklinik schaut, dann ist es noch schlimmer (zumindest war es das als ich einige Male darin gelesen habe). Es ist eine einzige Werbung für die Klinik.

    Was Königstein betrifft: So war ich vor 3 Jahren da, um die Möglichkeit für einen Aufenthalt dort zu prüfen. Ich habe mit einem leitenden Arzt gesprochen, der mir sagte, dass ich mich ja ziemlich gut auskennen würde, dass Migräne unheilbar und ich ein schwerer chronischer Fall sei. Natürlich hat er mir noch Rezepte für Topamax und Triptane mitgegeben – das war es.

    Auch wenn Migräne unheilbar ist (oder vielleicht auch nicht), so will ich weiter daran glauben, dass sie kontrollierbar ist. Und zwar nicht mit Topamax und Co, sondern indem wir die Auslöser und Ursachen erkennen und dadurch auch kontrollieren lernen.

    Mich hat der Beitrag übrigens auch sehr traurig gemacht. Die Migräne hat mich immer gestört, hat mein Leben eingeschränkt. Aber als ich die Menschen in dem Beitrag sah und ihre Zermuerbtheit, konnte ich zum ersten Mal in all den Jahren Mitgefühl für mich und all die dunklen und verlorenen Tage empfinden.

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