Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Topiramat soll das Risiko für Depressionen und Selbstmord verdreifachen

AntiepilepsieDeprWenn es ganz schlimm kommt, dann gibt es für Migräniker die Option, sich mit einem Epilepsiemittel prophylaktisch behandeln zu lassen. Das ist nicht so weit hergeholt, schließlich gibt es eine Menge Ähnlichkeiten zwischen Epilepsie und Migräne.
Der Wirkstoff, der hier vor allem verschrieben wird heißt Topiramat, das Produkt heißt Topamax. Seit 2009 ist das Patent ausgelaufen und der Wirkstoff sollte auch als Generika zu erhalten sein.

Ich habe Topamax auch mal verschrieben bekommen, und meine Neurologin bringt es immer wieder mal ins Gespräch. Ich habe mich aber schon vor über zehn Jahren, nachdem ich den Beipackzettel gelesen habe, dagegen entschieden und bleibe auch dabei. Meine Gründe damals waren vor allem die hohe Lebertoxizität des Medikaments und die hohe Wahrscheinlichkeit, ein Glaukom zu bekommen. Hinzugekommen im Laufe der Jahre sind unendlich viele anekdotische Berichte darüber, dass Leute das Gefühl haben, ihr IQ würde um die Hälfte sinken, wenn sie das Medikament nehmen.

Jetzt bin ich gerade mal wieder über Topiramat gestolpert, denn die US-Zeitschrift „What doctors don´t tell you“ (Seite 33 in der September Ausgabe „100 ways to live to 100“), hat das Thema Antiepileptika aufgegriffen. Einer Studie zufolge, die im Journal Neurology veröffentlich wurde, soll Topiramat das Risiko für Depressionen und Selbstmord verdreifachen. Ich denke, es ist wichtig, solche Informationen zu streuen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich Nebenwirkungen von Medikamenten oft einschleichen, so dass man die Ursache nicht eindeutig zuordnen kann. Ich habe zum Beispiel erst nach Absetzen von Propranolol gemerkt, dass es bei mir Angstzustände ausgelöst hat.

Dass Leute aus dem Fenster springen sind sicher die gefährlichsten Nebenwirkungen des Medikaments, aber nicht die einzigen. Topiramat kann unsere kognitiven Fähigkeiten massiv beeinträchtigen. Ein sehr visuelles Beispiel hierfür ist die Photografin Rachel Jablo. Sie hat ihre Eindrücke in einem Photoprojekt verarbeitet, das viel Aufmerksamkeit bekommen hat. In ihrem Buch My days of losing words beschreibt sie ihre chronische Migräne und die Nebenwirkungen ihrer Medikamente. „Ohne Medikamente bewirken die Schmerzen, dass ich nicht mehr sprechen kann, mit Medikamenten habe ich Nebenwirkungen, die mich Worte vergessen lassen,“ schreibt sie auf ihrer Webseite.

Ich höre immer wieder, dass Leute sagen, man solle die Nebenwirkungen auf den Beipackzetteln nicht so ernst nehmen, die wären hauptsächlich so dramatisch aufgeführt, damit sich die Pharmafirmen rechtlich absichern. Das habe ich früher auch gedacht. Etliche Migräneprophylaxen und Nebenwirkungen später bin ich nicht mehr dieser Ansicht. Ich kann alle, die dauerhaft Medikamente nehmen nur dringend auffordern, Beipackzettel zu lesen, die Informationen darauf ernst zu nehmen und sich kritisch selbst zu beobachten und regelmäßig untersuchen zu lassen.

Nachtrag: Topiramat kann die Wirkung von Empfängnisverhütungsmitteln beeinträchtigen und es darf auf keinen Fall während einer Schwangerschaft genommen werden.

Hier nochmal der Vollständigkeit halber die Liste der wesentlichen unmittelbaren Nebenwirkungen, aus Wikipedia rauskopiert.

  • Verlust und fehlender Geschmackssinn, bis hin zu Entzündungen im Mundbereich.
  • klingelndes Geräusch im Ohr, bis hin zu Ohrschmerzen.
  • vermindertes Sehvermögen.
  • häufigste Nebenwirkung sind Kribbelempfindungen, besonders in Armen und Beinen (sogenannte Parästhesien); diese verschwinden jedoch in der Regel nach einiger Zeit; eine kaliumreiche Ernährung (Bananen, Trockenobst) kann die Parästhesien lindern
  • Ataxie (Koordinationsstörung, z. B. stark schwankender Gang) – kann gleichzeitig zu sehr langsamem Gehen trotz Gehhilfe (auch wenn vor Einnahme von Topiramat keine Gehilfe benötigt wurde) führen
  • Konzentrationsstörungen (mitten im Satz weiß man nicht mehr, was man sagen wollte. Suche nach Worten)
  • Gestörte Merkfähigkeit (betrifft sowohl das Kurz- als auch das Langzeitgedächtnis)
  • das Gefühl, Erlerntes nicht mehr zu können
  • erhöhte Reizbarkeit
  • Depression
  • Schlafstörungen, Albträume
  • (Appetitsteigerung,) Appetitverminderung (wird daher auch bei Essstörungen eingesetzt)
  • (Zittern der Hände)
  • skandierende Sprache bzw. Redeweise, was vom Betroffenen nicht wahrgenommen wird
  • Auftreten von sogenannten dissoziativen Anfällen, Wutanfällen
  • Halluzinationen

8 Antworten zu “Topiramat soll das Risiko für Depressionen und Selbstmord verdreifachen

  1. majorneryz Oktober 1, 2014 um 23:26

    Na klasse… 😦
    Danke für diesen super informativen Beitrag, Violetta!
    PS: zum Glück (klopfe auf Holz) gehts mir bisher mit den Betablockern ganz gut!)

  2. majorneryz Oktober 1, 2014 um 23:28

    Hat dies auf Anatols Abenteuer rebloggt und kommentierte:
    Anatol machte mich heute auf diesen sehr informativen Beitrag von Violetta aufmerksam.

    Es ist mir ein Anliegen, ihn auch hier im Blog zu verbreiten, deshalb stelle ich ihn auch bei uns ein.

  3. Pipilangstrumpf April 23, 2016 um 13:59

    Hallo zusammen, ich nehme Topamax seit vier Jahren. Meine höchste Einnahmedosis war 100mg. Bei dieser Dosis, sind mir büschelweise die Haare ausgefallen! Nach einem Jahr habe ich auf 75mg und nochmals ein Jahr später schliesslich auf 50mg reduziert. Migräneanfälle sind fast ausgeblieben:)
    Was jedoch leider seit gut einem Jahr zu beobachten ist, dass ich Schwierigkeiten habe Wörter zu finden. Beim schreiben ist dies seltsamerweise kein Problem, nur verbal. Zudem sind depressive Verstimmungen und Kraftlosigkeit leider die Regel. Ebenfalls ist meine Konzentration enorm eingeschränkt und daher habe ich beschlossen, trotz extrem guter Resultate in Bezug auf die Migräne, das Medikament sofort abzusetzen.
    Meine Frage: Wer hat Topamax ebenfalls viele Jahre genommen und dann abgesetzt? Muss man irgend etwas besonders beachten. Wie lange geht es bis die Nebenwirkungen sich wieder normalisieren?
    Besten Dank für eine Auskunft.

    • Violetta April 27, 2016 um 10:41

      Da musste ich jetzt erst mal drüber nachdenken. Obwohl ich Topiramat selbst nie genommen habe, gibt es ein paar Sachen, die ich wahrscheinlich an deiner Stelle unternehmen würde. Weil: Irreversible Nebenwirkungen sind absolut inakzeptabel.

      Erstens: Ich würde den Beipackzettel durchgehen und vom Arzt verlangen, dass er dich auf die diversen Risiken testet. Unter anderem gehört dazu der Ammoniakspiegel. Ein erhöhter Ammoniakspiegel gehört zu den offiziellen Nebenwirkungen. Und wenn sich der aus irgendwelchen Gründen nach dem Absetzen nicht wieder gesenkt hat, dann empfiehlt es sich, da tätig zu werden. Ammoniak kann man über diverse einfache Lebensmittelzusätze aus dem Körper bekommen, zum Beispiel mit L-Ornithine. Es kann auch sein, dass eine deiner Genvarianten unter dem Beschuss des Medikaments plötzlich angefangen hat, sich auszudrücken und deinen Stoffwechsel verändert hat. Deshalb: messen. DU kannst Ammoniak im Notfall auch im Urin messen mit einem einfachen Aquariumstest für Ammoniak, aber es sollte kein Problem sein, das beim Arzt zu bekommen.

      Zweitens: Das Gehirn kann nur heilen, wenn alle neurotoxischen Elemente minimiert werden. Neurotoxisch heißt, dass ein Stoff die Nerven im Hirn angreift und zerstört. Zum Thema: was ist neurotoxisch fürs Gehirn (vor allem Glutamat, Ammoniak etc) empfehle ich das kostenlose e-book von Dr. Amy Yasko: Autism: Pathway to recovery. Siehe mein Blogpost: Schwefel, Migräne und das CBS Gen.

      Drittens: Du kannst davon ausgehen, dass Topiramat deine Biochemie aus dem Gleichgewicht geworfen hat. Ich habe ein bisschen recherchiert, was Anticonvulsants so mit dem Körper anstellen. Unter anderem dezimieren Anticonvulsants so gut wie sämtliche zentralen Stoffe der Methylierung. Und letztere brauchen wir für alles, was wichtig ist im Stoffwechsel, insbesondere die Neurotransmitter im Gehirn. Folat (Vitamin B9), Calcium, Biotin, B12, Potassium, B6, B2, B1 und Vitamin D werden dem Körper von Anticonvulsants entzogen.

  4. Heike L. August 23, 2016 um 07:38

    Hallo, ich habe seit dem 27.7.2016 Topiramat verordnet bekommen, da ich durch die Einnahme von Levitiracetam mein ganzes Gefühlsleben eingebüßt habe, bzw, nur noch agressiv und depressiv gewesen bin und innerhalb eines halben Jahres 10 kg zugenommen habe! Ich bin eine Frau von 53 Jahren, war erfolgreich im Beruf (Aussendienst, jetzt Home-Office) und hatte innerhalb von 2,5 Jahren 3 Grand Mal Anfälle.
    Jetzt frage ich mich, ob es das wert ist, diese verheerenden Nebenwirkungen von Topiramat in Kauf zu nehmen, nur um wieder Auto fahren zu können?
    Habe gerade den schlimmsten Wanderurlaub hinter mir mit Schwindel, Durchfällen Tag und Nacht, ständigem Harndrang, den ganzen Mund voller Blasen, Brennen im Bauch, fast ohne Schlaf, ständig gereizt und wütend. Meine Augen tun weh und sind irgendwie gelb. Gestern war ich beim Hausarzt ( Vertretung, da alle, auch mein Neurologe im Urlaub sind!), Leberwerte sind erhöht.
    Ich bin so mutlos, was soll ich nur machen, hab die Dosis jetzt auf morgens 1 und abends 1 heruntergesetzt, trotzdem geht es mir so schlecht, wie noch nie in meinem Leben!!!
    Kann mir jemand einen Rat geben?

    Heike L.

    • Violetta August 28, 2016 um 13:49

      Liebe Heike,
      hier ist mein Rat: sofort das Medikament vollständig absetzen, denn offensichtlich ist deine Leber schon beschädigt und du verträgst es nicht. Ich würde bei den Symptomen, die du beschreibst, keinen Kompromiss eingehen mit geringeren Dosen.
      Du brauchst einen sehr guten Spezialisten – und leider wissen wir alle, wie schwer die zu finden sind. Kriterien, nach welchen ich empfehle, einen Spezialisten zu suchen: Keinen Neurologen (!), keinen Allgemeinarzt, sondern einen dedizierten Kopfschmerzspezialisten. Einen solchen kannst du am besten in einer Klinik finden, warscheinlich in einer größeren Stadt. Je nachdem so du wohnst. Es lohnt sich, die Webseiten der Unikliniken zu durchforsten und sich Profile und Reviews einzelner Ärzte anzuschauen.
      Du findest auf meiner Seite hier eine Menge Anregungen für alternative Herangehensweisen an Migräne, die dich eventuell auch weiterbringen können.
      Ich drück dir die Daumen
      Violetta

  5. Marion Juni 2, 2017 um 03:34

    Hallo! Ich hab seit Kindergartentagen (also seit fast 50 Jahren) Migräne. Vor 14 Tagen habe ich mich von meiner 3. Ärztin zu Topiramat breitschlagen lassen. Und jetzt bin ich über diese Seite beim googlen nach Nebenwirkungen gefallen… alles sehr spannend, aber auch erschreckend – ich will mich eigentlich nicht stundenlang mit dieser Krankheit befassen…. das mach ich schon bei 3-4-tägigen Anfällen :o(. Wenn hier jemand über Konzentrationsstörung, Wortverlust, Vergesslichkeit schreibt… denkt ihr auch mal über die Wechseljahre nach? Kann auch damit zusammen hängen! Aber…. das muss man ja auch googlen…. sagt einem auch kein Arzt :o(

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