Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Paula Kamen: All In My Head. Eine Buchbesprechung.

Paul Kamen: All in my headIch habe noch nie wirklich über chronische Migräne geschrieben. Der Grund ist naheliegend: Ausser einer kurzen Episode von ein paar Wochen (Anfang letzten Jahres), als ich jeden Tag Migräne hatte, habe ich episodische Migräne. Meine Erfahrung ist also begrenzt. Trotzdem. Der Eindruck, den die paar Wochen durchgängige Migräne bei mir hinterlassen hat, war tief. Und lehrreich. Aber was tut man, wenn man in so einer Situation ist? Genau das ist es, was Paula Kamen in ihrem Buch „All In My Head“ beschreibt. Aber nicht nur das, sie ist Journalistin und hat sich extrem gut mit dem Themenbereich chronischer Schmerzen und Migräne auseinandergesetzt. Sie beschreibt nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern betrachtet intensiv historische und aktuelle, gesellschaftliche Bewertungen der Krankheit, und wie sich das auf Behandlungen und Heilungsprozesse auswirkt.

Ich habe es eigentlich nicht so mit biographischen Büchern, in welchen Menschen ihr Unglück beschreiben. Aber dieses Buch war wie ein Krimi, den ich nicht mehr aus der Hand legen konnte. Es ist eine intensive Aufklärung und ein wahrer Schatz an Informationen. Leider gibt es das Buch nur auf Englisch, aber wer des Englischen halbwegs mächtig ist, dem kann ich es nur wärmstens empfehlen.

Paula, eine junge Journalistin und Schriftstellerin, wird plötzlich beim Einlegen ihrer Kontaktlinsen aus heiterem Himmel von einer Migräne umgehauen. Den stechenden  Schmerz, der sich vom linken Auge aus ins Hirn zieht wird sie danach nicht mehr los. Diagnose: Chronic Daily Headache (CDH). In der Folge lässt sie nichts unversucht, um die tägliche Pein wieder loszuwerden. Ihr Buch ist eine genaue (und manchmal ein wenig übergenaue) Beschreibung einer Odyssee, in welcher sie sich mit unzähligen Allgemeinärzten, Neurologen, Gehirnchirurgen, HNO-Ärzten, Physiotherapeuten, Akupunkturisten und Chiropraktikern herumschlägt. Sie lässt sich operieren, macht Therapie, unterzieht sich sämtlichen Naturheilverfahren, die sie finden kann und, natürlich, schluckt eine schier unglaublich anmutende Menge an prophylaktischen Medikamenten. So ziemlich alles, was es auf dem Markt gibt und noch darüber hinaus, so fühlt es sich beim Lesen an. Wer sich über Behandlungsmethoden von Migräne, die über Triptane, Betablocker und Topiramat hinausgehen informieren möchte, wird in diesem Buch sicher fündig.

Der Prozess geht über Jahre und sie beschreibt sehr beeindruckend, wie sie immer wieder von Hoffnung getrieben weitersucht und sich auf die nächste Behandlung einlässt. Die Ärzte spielen dabei eine entscheidende Rolle. Immer wieder sind sie überzeugt, dass sie eine Methode haben, die Paulas Schmerzen beenden können. Nach einem Jahrzehnt muss sie einsehen: der Schmerz bleibt. Trotzdem haben sich wesentlich Dinge in ihrem Leben verändert. Sie ist bewusster geworden. Hat den Schmerz Stück für Stück akzeptiert und in diesem Zusammenhang Wege gefunden, ihn zu managen. Sie redet ganz bewusst von einem „coming-out“. Der Schritt, die Krankheit zu akzeptieren und nicht mehr zu versuchen, sich zu verstellen: vor Ärzten, Freunden, Familie, Kollegen.

Ich habe hier schon so oft davon geschrieben, den Schmerz oder die Migräne zu managen. Managen kann vieles bedeuten und ist mit Sicherheit individuell unterschiedlich. In Paulas Fall heißt managen unter anderem, ihr Leben und ihre Energie angemessen zu gestalten. Auf diese Weise ist sie immernoch und trotz allem in der Lage, zu schreiben und Bücher zu veröffentlichen. Auch wenn der Schmerz, wie leider sehr oft bei chronischen Migränikern, nicht abzuschalten ist, so hat sie doch im Laufe der Zeit eine Menge Methoden gefunden, die Schmerzen zu lindern und immer wieder auf ein erträglicheres Level zu drücken. Nachdem sie sich von sämtlichen pharmazeutischen Medikamenten verabschiedet hat, schafft sie es mit Sport, Meditation, Massagen und anderen Maßnahmen, ihren eigenen Lebensrythmus zu finden.

Das Buch ist extrem gut recherchiert und Paula setzt sich mit vielen Themen rund um die Migräne auseinander. Themen, die auf uns nicht chronisch Betroffene genauso zutreffen. Sie redet über das Migränestigma, über Ärzte, über den Wunsch, sich unsinnigen Behandlungen anheimzugeben, alles getrieben von dem Wunsch die Krankheit möglichst schnell loszuwerden. In ihrem Fall stimmt es sicherlich: der „quick-fix“, die schnelle Lösung ist ein frommer Wunsch, der sich nicht einstellt. Gäbe es wirklich wirksame Behandlungsmethoden gegen chronische Migräne (und andere Migränearten), dann gäbe es auch nicht so viele Menschen, die keine – oder nur wenig und oft nur zeitlich begrenzt – Besserung finden.

Das Buch, das übrigens extrem sachlich geschrieben ist, hat eine ernüchternde Wirkung, was Krankheiten wie Migräne anbelangt. Es setzt sich ab von den zunehmenden Heilsversprechen, die Medien und Ärzte geben und zeigt eine Wirklichkeit, die für viele Menschen Alltag ist. Obwohl ich mit meiner episodischen Migräne auch nicht richtig funktioniere und viele Alltagsprobleme habe, die gesunde Menschen nicht haben, hat mich das Buch von Paula Kamen gelehrt, etwas bescheidener in die Welt zu blicken. Es hat mich auch nachdenklich gemacht über ihre Schlussfolgerung. Nämlich dass eine der größten Herausforderungen, die wir zu beweältigen haben die ist, den Schmerz und die Behinderung, die daraus entsteht, zu akzeptieren. Was das wirlich bedeutet – da muss ich selber nochmal drüber nachdenken.

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