Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Ein Besuch im Museum – oder: was passiert, wenn man nicht um Hilfe bittet

Geflügelter SiegIch habe ein Protokoll für den Fall, dass eine schwere Migräne im Anzug ist. So eine Art fünf Punkte Plan. Das Protokoll ist eigentlich einfach und in ungefähr dieser Reihenfolge abzuarbeiten: Ein Sumatriptan einwerfen, Licht, Lärm, Gerüche, Wärme, Menschen und weitere Stressfaktoren eliminieren und, wichtig: hinlegen und idealerweise in eine Art Dämmerzustand verfallen. Und zwar sofort. Es wäre mir natürlich lieber, wenn ich eine Tablette einwerfen könnte und ohne Störung weitermachen mit was immer ich gerade tue. Dann wäre alles einfacher. Denn was macht man, wenn man nicht zuhause ist oder wenn man unterwegs ist? Das kann problematisch werden. So wie letzte Woche.

Ich war in Minneapolis auf einer Konferenz. Den ersten Tag hatte ich ein bisschen Zeit für Sightseeing, also machte ich einen schönen Spaziergang zum Walker Art Center. Ausgeschlafen und nach einem guten Frühstück schlenderte ich durch einen Park, schaute den Enten zu und wanderte dann durch den dem Museum angeschlossenen Skulpturengarten. Der Himmel war grau, die Luft kühl und erfrischend. Besonders gut gefiel mir eine Bronzeschöpfung von Henry Moore. Er soll sie „Winged Victory“ genannt haben, geflügelter Sieg. Im Programm las ich, dass sie „abwechselnd rasiermesserscharf und rhythmisch kurvenreich“ wäre. Ich ging um die kopflose Skulptur herum und ertastete ihren Körper. Eine Seite war rund und offen, die andere zusammengepresst, scharfkantig und abweisend. Sie hat zwei Körper in einem, dachte ich. Einer ist ganz und heile, einer ist verletzt, beschädigt.

Das war der Moment in welchem ein Schwindel durch meinen Körper drehte. Ich achtete nicht weiter darauf, genoss die frische Luft und schlenderte weiter durch den Garten in Richtung Museum.

„Was möchten Sie denn sehen?“ fragt mich die ältere Dame an der Kasse. Sie passte in ein Museum für moderne Kunst, mit einem Turm grauer Haare, ganz in Gold und Glitter und einer unbekannten Menge klappernder Armreifen.

Ich muss ein bisschen ratlos ausgesehen haben. „Ich weiß nicht,“ sagte ich. Vorher wusste ich es noch. Das war nicht die geeignete Antwort. Irgendetwas stimmte nicht mit mir.

Die Dame, hilfreich, schlug mir vor, eine Eintrittskarte zu kaufen.

Als ich in der großen, weißen, neonbeleuchteten Halle stand und entscheiden musste, ob ich mit dem Fahrstuhl nach oben fahre oder nach rechts zu den Ausstellungen abbiege, schnitt etwas scharf durch meinen Kopf. Ich kapierte. Leider zu spät. Mein Protokoll, dachte ich. Tablette, Ruhe, Hinlegen. Ich hätte nach einem Sanitätsraum fragen sollen. Ich hätte um Unterstützung bitten sollen. Anstatt dessen blieb ich einfach stehen und erstarrte. In meinen Ohren dröhnte es. Die Menschen um mich herum wurden zu einer Masse verwaschener Flecken. Sie rauschten an mir vorbei wie Wasser um einen Pfosten. Panik stieg in mir hoch.

Ich konnte da nicht stehen bleiben, also raffte ich mich auf und setzte irgendwie einen Fuß vor den anderen. In einer Ecke fand ich ein Miniamphitheater. Ein Einführungsfilm über das Museum lief dort, aber der Platz war gut und vor allem: leer. Ich warf eine Pille ein. Ab jetzt bis zu zwei Stunden. Nach einer Viertelstunde kam eine Familie mit zwei Kindern um die Ecke. Laute Münder mit Schokoladenrändern erkletterten die Stufen um mich herum, hüpften und stampften umher. Ich flüchtete, wankte durchs Museum. Ziellos. Ein umherirrender Pfosten. Überall, wo es Sitzecken gab, waren große Fenster. Lichtfänger, deren Helligkeit durch meine Augen drang wie zersplittertes Glas. Mir wurde übel. Ich brauchte eine Toilette. Ich wich zurück in die Ausstellungsräume, die dunkler waren. Um mich herum flackerte es. Waren das die Neonlampen? Ich bin noch nie umgefallen, dachte ich.

Ich schlich an den Wänden entlang. Bilder, Skulpturen und Gegenstände glitten durch mein Gesichtsfeld wie Schlieren auf einer Brille. Die Luft wurde stickig. Meine Augen flimmerten umher, auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit. Tiefes Atmen vor einem Motorenblock mit blauem, glitterndem Farbüberzug. Der „point of no return“ war da. Endgültig. Jetzt schaffte ich es nicht mehr ins Hotel. Nicht mal mit einem Taxi. Ich schaffte es nirgendwo hin.

Am Ende dreier hintereinander liegender Räume tat sich ein schwarzer, langer Gang auf. Kein Licht, keine Farbe. Ungeahnte Ruhe. Er war ein bisschen unheimlich, aber jeder Schritt tiefer in die Schwärze war wie Balsam. Meine Augen öffneten sich wieder, meine Atemzüge wurden tiefer. Dunkelheit heilt.

Ein Raum öffnete sich, groß, mit einer Installation. Sechs rechteckige Leinwände zeigten verschiedene Perspektiven einer Kinoaufführung. Was ich sah, war nicht der Film. Ich sah nur Farben und Geschwindigkeit: nicht zu schnell, nicht zu hell. Links an der Wand zwei komfortable Bänke. Ich sank nieder, endlich, sackte gegen die Wand hinter den Bänken. Vor mir die letzten Szenen des Films Black Swan. Sechs Fenster in einen Kinosaal, wie sechs Augen. Oder eine unruhig umherspringende Pupille, die nicht in der Lage ist, auf einen Punkt zu fokussieren. Die finale Szene.

Ich blieb. Ich hätte in einer Krankenstation liegen sollen, oder in einem Bett. Aber ich saß in einer Kammer, am Ende eines langen, dunklen Gangs. Eine Kammer des Todes. Vor meinen Augen starb Natalie Portman, unendlich oft. Sterben, Abspann, leerer Kinosaal. Sterben, Abspann, leerer Kinosaal. Ich starb mit ihr, starb mit dem Schwan, immer wieder, eine endlose Folge von Toden. Tränen liefen mir übers Gesicht. Schmerz und Erleichterung in einem. Kein kräftezehrendes Aufrechthalten mehr, keine Sinneseindrücke, die ich draußen halten musste. Die Zeit verging ohne Zeit. Einatmen. Ausatmen. Ich und der Schmerz. Und Natalie Portman.

Dann, irgendwann zwischen Raum und Zeit und Ballett, kickte die Pille an.

Ich verließ das Museum eine halbe Stunde später. Auf Gummibeinen und mit Watte im Kopf. In der kühlen, frischen Luft klärte mein Kopf weiter auf. Ich lief zurück, Richtung Hotel, vorbei an der Skulptur, dem geflügelten Sieg. Ich blieb kurz stehen. Vor der Frau ohne Kopf. Gibt es einen geflügelten Sieg, trotz aller Beschädigungen? Irgendwie war es ein Sieg heute, dachte ich. Aber in jedem Sieg steckt immer auch ein bisschen Sterben. Selbstgewählt. Alles wäre leichter gewesen, wenn ich einen Raum für mich gehabt hätte und einen Ort zum Hinlegen. Warum habe ich nicht gefragt?

7 Antworten zu “Ein Besuch im Museum – oder: was passiert, wenn man nicht um Hilfe bittet

  1. Peter Schwirkmann April 19, 2015 um 08:44

    Bei Triptanen ist es wirklich wichtig, sich dabei hinzulegen und wenn möglich, die Augen zu schließen. Hilfreich ist es auch, sich zu entspannen. Die Wirkung wird dadurch unterstützt.

  2. Ili April 19, 2015 um 08:45

    danke für den sehr schönen Text ! – ich kann das alles so gut nachvollziehen!

  3. Fran April 20, 2015 um 02:42

    Man versucht halt aus irgendeinem irrwitzigen Grund nicht negativ aufzufallen und keine Umstände zu machen. So geht es mir jedenfalls viel zu oft. Z.B. ein heftiger Migräneanfall auf der Fähre nach Amrum. Eigentlich lehne ich nur mit dem Kopf an einer kühlen Ecke, möglichst im Schatten und möchte dass die Welt untergeht. Trotzdem unterbreche ich die Schwiegermutter nicht in ihrem Redeschwall und trotzdem lasse ich ein Foto von mir und meinem Mann machen, weil die Verwandten das so gerne möchten. Eigentlich hätte ich sagen müssen „das geht jetzt nicht, lasst mich bitte in Ruhe bis der Anfall vorbei ist“. Öfter „Nein“ sagen und öfter um Hilfe bitten ist doch ein guter Vorsatz für die Zukunft…

  4. majorneryz April 27, 2015 um 11:26

    Oh Mann ich kann es so gut nachvollziehen … man will einfach nicht auffallen, keiner soll merken, wie besch*** es einem geht. Als ich meinen einen Monsteranfall mitten in einer Konferenz hatte, konnte ich es nicht mehr verbergen; die Leute waren so lieb und haben mich an einen ruhigen Ort gebracht, wo ich mich hinlegen konnte… sogar ein Kissen haben sie mir gebracht und gesagt, sie holen jetzt den Arzt (das konnte ich zum Glück verhindern). Oft sind die Leute viel hilfsbereiter, als man denkt.

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