Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Quick and Dirty: Migräne wegoperieren

werkzeugeSo weit ist es jetzt gekommen: Migräneärzte warnen vor Migräneärzten. Man verstehe mich hier nicht falsch: ich denke, dass das eine gute Sache ist. Zu oft schon habe ich kopfschüttelnd Arztpraxen verlassen und gedacht: kann der nicht mal eine Weiterbildung machen? Ich finde es überaus begrüßenswert, wenn Spezialisten mal Tacheles reden und sich einer Auseinandersetzung stellen. In diesem Fall handelt es sich um Ärzte des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums des Uniklinikums Essen, allen voran die Ärzte Diener und Bingel. In der neurologischen Fachzeitschrift Cephalalgia haben diese einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel: „Surgical treatment for migraine: Time to fight against the knife.“  Der Titel lässt keinen Zweifel, dass es sich hierbei um eine Kampfansage gegen operative Eingriffe bei Migräne handelt.

Wer genug von Schmerzen geplagt ist, greift nach jedem Strohhalm. Chirurgische Eingriffe sind dabei ein Strohhalm, der Migränepatienten immer häufiger zugeworfen wird. Das erste mal habe ich ausführlich über dieses Thema bei Paula Kamen gelesen. In ihrem Buch „All in my head“ beschreibt sie, wie ihre Ärzte sie nach unzähligen erfolglosen Therapieversuchen überzeugt hatten, ihre chronischen Kopfschmerzen mit einer Korrektur ihrer extrem schief stehenden Nasenscheidewand zu behandeln. Sie unterzog sich der Operation und musste im Nachhinein feststellen, dass sich ihre täglichen Schmerzen durch die (erfolgreiche) Operation noch verschlimmert hatten. Nach gründlichen Recherchen zu ihren Buch warnt sie ausdrücklich vor jeglicher Form von chirurgischem Eingriff bei Migräne oder anderen chronischen Kopfschmerzformen. Im Vergleich zu allem, was im Moment so an Eingriffen gegen Migräne angeboten wird, mutet die Operation, die Paula Kamen hinter sich hat, allerdings eher harmlos an.

Die Migränespezialisten des Essener Uniklinikums zeigen am Beispiel von drei im Moment gängigen Eingriffen auf, was versprochen wird, wie die Forschungslage zum jeweiligen Thema ist und was hier ihrer Ansicht nach fehlt. Die deutschen Ärzte stehen übrigens mit ihrer Meinung nicht alleine da: viele amerikanischen Kollegen haben die gleichen Kritikpunkte. Wie immer wenn ich interessante Fakten nicht mit ungenauen Übersetzungen verzerren will, bleibe ich teilweise bei englischen Bezeichungen oder Zitaten.

Die Eingriffe um die es geht sind:

Nerve Decompression / Migraine Trigger Site Removal
Worum gehts: Sogenannte Triggerpunkte, die auf Botulinumtoxin Typ A reagieren, werden durchtrennt oder entfernt. Oft ist das der Corrugator Muskel zwischen den Augenbrauen, der für die sogenannte „Zornesfalte“ zuständig ist. Diese Art Operation wird meist von Schönheitschirurgen durchgeführt, nicht von Kopfschmerzspezialisten.

Vorwurf von Prof. H. C. Diener: Die vorgelegte Studie ist nicht stichhaltig und es gibt keine zweite Studie, die die Ergebnisse bestätigt hätte. Sie entspricht nicht den Regeln der International headache Society (IHS) über akzeptierte Forschungsstandards. Der sogenannte Test mit Botulinumtoxin Typ A ist nach Prof. H. C. Diener nicht aussagekräftig und kann einen Placeboeffekt beschreiben.

„The use of botulinumtoxin type A to select patients clearly selects patients prone to respond to placebo. In episodic migraine, botulinumtoxin type A is not superior to placebo. Therefore it is difficult to understand how patients were selected for the surgical procedure.“

Auch die statistische Auswertungsmethode wird kritisiert. Die Anbieter dieses Eingriffs behaupten, eine „cure-rate“, also eine Heilungsquote von 57% vorweisen zu können. Dieses Ergebnis wäre damit das beste Ergebnis, das jemals in der Geschichte der Migränebehandlung erzielt worden wäre.

„Finally, the study had a ‘cure’ rate of 57%, never seen before in the history of migraine treatment. This was a singlecentre trial and the results were not replicated by another randomised study. We present this study in lectures for students at our medical school as an excellent example of how a flawed study design and inappropriate statistical analysis can produce nonreproducible results.“

ONS: Occipital Nerve stimulation for chronic migraine treatment
Worum gehts: bei diesem Eingriff wird ein kleines Gerät an die Schädelbasis hinten implantiert, das den „occipital nerve“ blockieren soll.

Vorwurf von Prof. H. C. Diener: Die Ergebnisse zeigen keine ausreichenden Erfolge:

„The study failed to show a significant benefit for the primary endpoint, a ≥ 50% reduction in mean daily visual analogue scale score after 12 weeks. The study was positive for a number of secondary endpoints, including 30% reduction in mean daily visual analogue scale scores, number of headache days, and migraine-related disability.“

Zusätzlich wird von einer hohen Rate an Nebenwirkungen berichtet:

„Rare but clinically relevant adverse events were lead migration (13%) and consistent implant site pain or numbness (15%). Experience from centres which apply this technique show a response rate that is lower in chronic migraine than in chronic cluster headache. In addition, long-term complications, especially local infections, occur in up to 20% of patients (personal observation).“

Patent Foramen Ovale (PFO) closure for migraine prevention
Das hier ist schon eine verrückte Sache: Ein kleines Loch im Herz soll für Migräne verantwortlich sein, oder, um es genauer wiederzugeben: Das Schließen eines kleines Loches im Herz soll Migräne beseitigen.

Die Kritik an dieser Operation ist harsch, nämlich dass es keinern gesicherten Zusammenhang zwischen einem PFO und Migräne gibt. Vermutlich, so Prof. Diener, haben beide Krankheiten, das PFO und Migräne einen ähnlichen genetischen Hintergund. Das bedeutet: sie werden zusammen vererbt. Die Kritik wird noch weiter geführt, aber ich lass das mal so stehen. Mit „major ethical concerns“ sagen die Autoren aus, dass diese Operation absolut nicht zu vertreten ist und, das füge ich jetzt hinzu, kurz vor Körperverletzung einzustufen ist.

“The association of PFO with migraine without aura and other headaches is weak. The most likely explanation is that both conditions, migraine with aura and PFO, could be dominantly inherited and share a common genetic background.  Those patients that had PFO closure had mixed results based on personal recall, which is “highly unreliable.”  They conclude:  “At present there is insufficient evidence to support the hypothesis that migraine frequency is improved by PFO closure. Nevertheless this procedure is still performed and promoted by interventional cardiologists. Considering the negative outcome of a large randomized trial, this raises major ethical concerns.”

Ausblick

Besonders schön ist der Abschnitt über die Zukunft der Migränebehandlung. Die beiden Ärzte sind der Meinung, dass die wichtigste Aufgabe im Moment die sei, die Gründung von Kopfschmerzzentren zu fördern. Im Gegensatz zu den vielen Heilsversprechen, die man in den letzten Jahren von Ärzten hört, deren Auftritte manchmal an die von selbsternannten Gurus erinnern, finde ich diese Aussage mal erfrischend nüchtern. Ein Kopfschmerzzentrum in jeder Stadt? Da würde es dann bald keine Migräniker mehr geben, die kopfschüttelnd aus der Sprechstunde ihres Allgemeinarztes kommen und denken: Der müsste echt mal ne Fortbildung machen.

 

Quellen:
HC Diner and U Bingel: Surgical Treatment for migraine: Time to fight against the knife. In: Cephalalgia 2015, Vol. 35(6) 465–468.
Amy Norton: Surgery Doubted as a Migraine Reliever. In: webmd.com. June 27, 2014.
John Gever: Surgical Migraine ‚Cure‘ Triggers Doubts. In: Medpage Today. July 6, 2013.

 

4 Antworten zu “Quick and Dirty: Migräne wegoperieren

  1. Fran Mai 16, 2015 um 03:45

    Wenn es einem schlecht geht, ist man leider geneigt irgendwann fast alles auszuprobieren. Gut, wenn dann bestimmte Dinge grade gerückt werden. Allerdings ist mir auch schon mal aufgefallen, dass bestimmte Ärzte und Kliniken erst vehement gegen eine neue Methode sind und sie dann später auf einmal selber verwenden…
    Natürlich ist es löblich, wenn man erst auf der sicheren Seite sein will und abwartet, bis es Studien gibt, die eine Wirkung belegen. Ich kann aber auch verstehen, wenn schwer Betroffene gerne so früh wie möglich neue Therapien ausprobieren wollen.

    Ich dachte ja früher immer, dass Botox gegen chronischische Migräne auch die Muskeln stilllegt. Daher klang das mit der Korrugator-Muskel-Durchtrennung irgendwie logisch.

    Stattdessen erklärt man die Wirkung von Botox gegen chronische Migräne doch inzwischen dadurch, dass die Freisetzung von bestimmten Neurotransmittern und Neuropeptiden verhindert wird. Also sind sich die Methoden gar nicht ähnlich.

    Die Wirkung von Botox kann man z.B. hier nachlesen: http://www.schmerzklinik.de/wp-content/uploads/2011/09/Prophylaxe-der-chronischen-Migr%C3%A4ne-mit-Botulinumtoxin.pdf

    Hier wird in einer Studie noch der Zusammenhang mit CGRP erklärt:
    http://www.nyheadache.com/blog/new-research-on-how-botox-relieves-chronic-migraines-and-how-to-predict-who-will-respond-to-botox/

    • Violetta Mai 17, 2015 um 15:57

      Danke für deine gut recherchierten Informationen. Interessant die Geschichte mit CGRP, die uns ja vielleicht (und hoffentlich) bald bessere Behandlungsoptionen zur Verfügung stellen werden. Diese Zusammenhänge sprechen tatsächlich gegen die operative Verstümmelung unserer Gesichtsmuskulatur.

  2. Zürli35 Mai 24, 2015 um 16:42

    Ich finde es spannend, dass der Eingriff mit Botulinumtoxin gemacht wird, in Zürich gibt es das glaube ich noch nicht. Da wird das höchstens zu Straffung von Falten verwendet.

    • Fran Mai 25, 2015 um 13:55

      Botox wird zur Vorbeugung bei chronischer Migräne alle paar Monate gespritzt.
      Der chirurgische Eingriff hat damit eigentlicht nichts zu tun. Dabei wird der Korrugator-Muskel durchtrennt. Vorher wird wohl mit Botox getestet, ob die Operation dem Patienten etwas bringen kann oder nicht. Aber vor dem Eingriff wird wie gesagt gewarnt… Botox gespritzt ist dagegen zugelassen und unumstritten.
      Über die Wirkung von Botox bei chronischer Migräne kannst Du z.B. hier etwas nachlesen: http://www.schmerzklinik.de/2011/09/28/botox-bei-migraene/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: