Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Wie viel Migräne hast du wirklich?

graphDer Satz meiner Neurologin klingt noch immer in meinen Ohren: Die meisten Migräniker untertreiben ihre Migräne.

Das Untertreiben von Migräne kann eine gute Seite haben. Nämlich dann, wenn die persönliche Belastung, also der Grad, zu welchem die Migräne unser Leben beeinträchtigt, sich in einem Spektrum bewegt, das gut zu managen ist. Dann kann man die Migräne in den Hintergrund treten lassen und sein Leben, zumindest in Abschnitten, so leben, wie man es leben sollte: unbeschwert. Man kann Attacken vergessen, diese nicht so wichtig nehmen und der Migräne insgesamt nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Das ist der Zustand, den ich persönlich als die optimale Variante von „die Migräne ist unter Kontrolle“ bezeichnen würde.

Leider ist das für viele Migräniker nicht der Fall. Sie sind stark beeinträchtigt, verbringen viel Zeit damit, nach besseren Behandlungsmöglichkeiten zu suchen und verbringen noch mehr Zeit damit, gegen Schmerzen oder andere Symptome anzukämpfen. In all diesen Fällen kann es von existenzieller Wichtigkeit sein, die Migräne richtig einschätzen und richtig beschreiben zu können. Und hier kommt wieder das Migränetagebuch ins Spiel. Was schreiben wir eigentlich auf, wie ehrlich sind wir und — was sollte eigentlich im Migränetagebuch notiert werden? Nur die reinen Schmerztage? Und überhaupt, wie definiere ich Schmerz? Ist ein unangenehmer Druck im Kopf schon Schmerz, oder wird der nicht ins Tagebuch eingetragen, weil eigentlich nur die richtigen Schmerzen zählen? Was ist mit Schwindel? Oder mit Unwohlsein? Was ist mit den Tagen, wo eine Migräne im Anzug ist, die man aber dann doch abbiegen konnte? Die richtige Wahrnehmung und Einschätzung von Migräne ist nicht nur wichtig, um richtig behandelt zu werden. Sie kann auch entscheidend sein für wichtige Hilfe, wie zum Beispiel, um Behinderung oder kassenärztliche Leistungen anerkannt zu bekommen, die von einer Diagnose chronischer Migräne abhängen. Oder wenn man z.B. bei einem Arbeitgeber beschäftigt ist, der einer Reduzierung der Arbeitszeit nur dann zustimmt, wenn man eine chronische Krankheit (sprich: eine Behinderung) nachweisen kann.

Um sich ein bisschen mit dem Thema zu befassen ist ein Blick auf die Definition einer Migräneattacke hilfreich. Nur noch mal zur Erinnerung habe ich unten die drei (oder vier) Phasen der Migräne und ihre Symptome aufgelistet.

Es ist nicht immer einfach, die Phasen bei sich selbst genau zu beschreiben. Dazu gehört ein bisschen Aufmerksamkeit und Schulung der eigenen Wahrnehmung über die Migräneprozesse im eigenen Körper. Auch haben nicht alle Menschen immer alle Phasen oder die gleichen Symptome. Manchmal hat man Migräneattacken ohne Schmerzsymptome. Ist das denn alles Migräne?

Die Antwort ist: ja. Die unten beschriebenen vier Phasen beschreiben den kompletten Attackenzyklus. Das bedeutet, dass eine Migräne mit der Wahrnehmung der ersten Symptome beginnt und mit Abklingen des letzten Rests des Hangovers aufhört. Ich selbst habe die Tendenz, nur die reinen Schmerztage in meinem Migränetagebuch zu notieren. Das ist aber falsch, denn meistens habe ich nach einer Migräne noch mindestens einen Tag, an welchem ich „blöd“ bin und meine Denkleistung deutlich eingeschränkt ist. Oft bin ich an diesem Tag höchstens halb arbeitsfähig, manchmal gar nicht. Trotzdem kann ich keinen klassischen Schmerz mehr vorweisen. Manche sind auch einen Tag bevor der Schmerz einsetzt schon beeinträchtigt oder arbeitsunfähig. Jeder einzelne dieser Tage gehört ins Migränetagebuch. Wenn man versucht auch im Tagebuch zwischen den Phasen oder anderen Symptomen, die vielleicht unabhängig davon zwischendurch auftreten, zu differenzieren, dann ist es in der Zusammenarbeit mit dem Arzt besser möglich, den Impakt der Krankheit realistisch zu begreifen. Ob man im Monat einen Schmerztag oder einen Schmerztag plus einen Hangovertag notiert macht einen riesigen Unterschied. Nämlich einen um 100%.

Die Migränephasen:

Prodrome oder Vorbotenphase
beginnt typischerweise bis zu 72 Stunden vor der Migräne mit z.B. Stimmungsschwankungen wie Euphorie, Hyperaktivität, Unruhe, Abgeschlagenheit, Depression, Reizbarkeit, Heißhunger, Durst, Veränderungen der Verdauung, Harndrang, Wassereinlagerungen, Konzentrationsprobleme, Frieren, Schwitzen, Muskelversteifungen z.B. im Nacken oder anderen neurologischen Symptomen wie Wahrnehmungsveränderungen (Sensitivität gegenüber Licht, Geräuschen, Temperatur etc.) und andere.

Auraphase
Neurologische Symptome wie z.B. visuelle, sensorische oder sprachliche, typischerweise bis zu einer Stunde bevor die Schmerzen einsetzen.

Schmerzphase
Typischerweise pulsierende, pochende Kopfschmerzen, oft einseitig, bis zu mehreren Tagen dauernd. Oft begleitet von Übelkeit, visuellen, sensorischen oder akustischen Überempfindlichkeiten und anderen neurologischen Symptomen.

Postdrome oder Rückbildungsphase
Der „Hangover“, Dauer je nach Ausprägung durchaus ein bis zwei Tage nach der Schmerzphase. Weniger oder keine Schmerzen mehr, aber Müdigkeit, Erschöpfung, Euphorie, Cognitive Einschränkungen, Depressionen, Unruhe, Ungeduld usw.

Anmerkung: Die Dauer der Phasen habe ich aus amerikanischen Quellen genommen. Wer sie mal mit Artikel im deutschen Wikipedia z. B. vergleicht, stellt fest, dass diese Phasen in Deutschland kürzer definiert werden. Ich weiß nicht warum, außer dass die Deutschen vielleicht mal wieder der Ansicht sind, das alles schneller gehen muss.

 

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