Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Claudia erzählt von ihrer Migräne

Das hier ist der zwölfte Artikel der Serie: Erzähl deine Geschichte.
Mit dieser Serie lade ich andere Migräniker ein, von sich zu erzählen.
Vielen Dank an Claudia, die in diesem Blogpost von ihrer Migräne berichtet.

1. Wie nennst du deine Migräne, welche Worte hast du dafür?
Ich nenne sie den dunklen Abgrund, das schwarze Loch oder das Monster.

2. Seit wann hast du Migräne und wie hat sie sich über die Jahre verändert?
Ich habe 1996 mit 25 Jahren einen Fahrradunfall gehabt. Ich hatte einen Kieferbruch, eine Gehirnerschütterung und danach starken Schwindel und Konzentrationsstörungen. Daraus folgten Panikattaken und auch Migräne. Nach dem Unfall stand die Schwindelproblematik im Vordergrund; die Migräne kam vielleicht zwei mal im Monat für jeweils 2-3 Tage. Zum Glück konnte ein Osteopath etwas tun gegen den Schwindel; er verschwand fast vollständig; ich konnte nach zwei Jahren wieder arbeiten. Dann allerdings wurde es schwierig mit der Migräne; die vielen Medikamente während der Arbeit, die vielen Absenzen wegen der Schmerzen setzten mich extrem unter Druck. Die Migränehäufigkeit nahm zu. Wohlgemerkt; ich war immer in Therapie. Schulmedizinisch und alternativ habe ich alles durch – auch psychologisch – und natürlich habe ich auch autogenes Training gemacht. Auch mit Sport habe ichs versucht – leider löst mir joggen Migräne aus und die Migräne, die ich einmal nach dem Schwimmen hatte, an die möchte ich nicht mehr denken.

Ich habe viel zu lange unter Triptanen gearbeitet. Ich habe nur noch funktioniert, zwischendurch auf die Toilette um zu weinen vor Schmerz und dann wieder zurück an den Schreibtisch und so tun, als ob nichts wäre. Die medikamentenindizierte Migräne war dann nicht mehr weit. Ich hatte pro Jahr viermal einen Status, dh jeweils 3 Wochen Migräne am Stück, das wurde dann mit Cortison behandelt.

Daneben immer 10 bis 15 Anfälle pro Monat. Ich war bisher dreimal für jeweils 3 Wochen in einer Schmerz Klinik, wenn es gar nicht mehr ging.

Jetzt bin ich 43. Die Anfälle sind nach wie vor 10-15 mal pro Monat da. Aber ich habe keinen Status mehr, die Anfälle sind etwas weniger lang – selten noch drei Tage hintereinander. Die Erschöpfung wegen der vielen Anfälle und der wenigen Erholungsphasen wird zum Teil zu einem Problem für mich. Leider wurde auch mein Kinderwunsch von der Migräne torpediert. Das Leben ist nicht gerade aufregend mit sovielen Schmerztagen – ich kann nicht mehr in laute Bars oder Kozerte, Sex zu haben steht auch nicht zuoberst auf der Liste, wenn man meint, der Schädel platzt. Verabredungen einzuhalten ist oft nicht möglich – manche Leute nehmen es dann eben doch persönlich, wenn man wieder absagen muss, sprich Beziehungen zu pflegen ist nur eingeschräkt möglich. Ich habe einen tollen Freund, der seit Jahren zu mir hält, aber auch ihm geht meine Migräne manchmal ganz schön auf den Geist.

3. Würdest du sagen, deine Migräne ist eine Krankheit?
Migräne ist eine Krankheit. Chronische Migräne ist eine schwere Krankheit.

4. Wie bewältigst du Migräne-Attacken am Arbeitsplatz?
Ich musste mich selbständig machen. Ich versuche die Timings so zu legen, dass sie mir genügend Luft geben. Ich arbeite um meine Migräne herum. Dh ich arbeite auch am Wochenende, ich arbeite dann, wenn es mir einigermassen gut geht. Ich versuche, nur ca 5 Stunden pro Tag zu arbeiten, weil mir in den Bildschirm schauen nicht gut tut – es verstärkt die Kopfschmerzen und die Migräne. Wenn ich merke, der Schmerz im Kopf wird stärker, höre ich auf zu arbeiten und lege mich etwas hin und kühle meinen Kopf mit einem Coldpack. Das hilft manchmal.
Chronische Migräne ist ein Armutsrisiko.

5. Was und/oder wer hat dir am meisten geholfen, mit der Migräne umzugehen?
Ich musste mir eingestehen, dass die Migräne mein Leben dominiert und das ich einen Weg finden muss, mit ihr einigermassen klar zu kommen. Ich habe angefangen, darüber zu sprechen, ich stehe dazu. Leider ist unsere Gesellschaft weit davon entfernt, Migränekranke ernst zu nehmen, auch deshalb ist es wichtig, die Leute aufzuklären.
Sich selber ernst nehmen, auf den Schmerz hören, ihn nicht ignorieren. Nein sagen, oder ich kann nicht mehr, auch wenn die anderen das dann komisch finden.

6. Was hat dir am wenigsten geholfen, mit der Migräne umzugehen? Was war der nutzloseste Ratschlag, den du jemals bekommen hast?
Alle meinen es gut, aber niemand, der nicht betroffen ist, hat wirklich eine Ahnung. Es gab 1000 nutzlose Ratschläge. Z.B. kein Leitungswasser zu trinken, oder aber viel Leitungswasser zu trinken….

7. Was ist die absurdeste/lustigste/schrecklichste/denkwürdigste Situation, in die die Migräne dich gebracht hat?
Ich war dieses Jahr zwei Monate in Asien. Ich war dort fast Migränefrei. Ich gehe jetzt davon aus, dass das Klima offensichtlich einen starken Einfluss auf meine Migräne hat. Es war für mich eine sehr schöne Erfahrung, etwas aus der Erschöpfung jahrelanger Migräneanfälle auftauchen zu können.

8. Was würdest du anderen Menschen mit Migräne empfehlen
Lieber von Anfang an Rücksicht auf die Migräne nehmen. Pausen machen, die Migräne ernst nehmen, nicht verdrängen. Ich hatte zum Beispiel oft sehr lange Arbeitstage, das war doppelt Gift für die Migräne. Aber ich weiss, das ist ein frommer Wunsch – man muss ja von etwas leben und kann auch nicht ständig den Beruf wechseln.

3 Antworten zu “Claudia erzählt von ihrer Migräne

  1. Viviane Juli 17, 2015 um 15:19

    Hallo Claudia,

    Dein Bericht spricht mir aus der Seele. Auch ich habe mich selbständig gemacht und arbeite um meine Migräne rum (nicht mehr so wie früher, denn es geht mir jetzt viel besser). Verabredungen treffe ich aber heute noch ungern. Termine lege ich so gut es geht auf den Vormittag, denn wenn ich Migräne bekomme, dann morgens und ich brauche wenigstens bis Mittag, damit das Triptan wirkt und mein Kreislauf ok ist. Privatleben: Ich begleite meinen Mann ungern ins Kino oder in Konzerte – die Klimaanlagen und die optische „Unruhe“ könnten einen Anfall auslösen.

    Ich glaube auch, dass das Klima eine Rolle spielt. Ich habe z.B. 4 Jahre in Asien gelebt und hatte in den feuchten Sommermonaten sehr lange Schübe (6 Wochen am Stück Migräne); für mich ist trockene Hitze (wenn überhaupt Hitze) besser.

    Hast Du Dich in Asien anders ernährt? Könnte das der Grund für die Beschwerdefreiheit sein?

    Lieben Gruß,
    Viviane

  2. Patrick Juli 27, 2015 um 11:29

    Hallo Claudia
    Wie du schreibst warst du in Asien und die Migräne hat sich gebessert. Du hast angemerkt, dass es womöglich das Klima ist, das dir gut getan hat.
    Ich bin erst seit kurzem (4 Monate) die Migräne los. (20 Jahre damit gestraft). Bin per Zufall darauf gestossen, dass ich wahrscheinlich auf Weizen und Weizenprodukte reagiere. Habe während 3 Wochen auf fast alles mit Weizen verzichtet (wollte einfach mal ein paar Kilo abnehmen) und fühlte mich dabei deutlich besser.
    Als ich nun das mit Asien bei Dir gelesen habe, dachte ich so für mich, da hast Du wahrscheinlich auch eher weniger Weizenprodukte zu dir genommen.
    Probiere es doch einfach mal 1-2 Wochen ohne Weizen, vielleicht hilft es ja. Bei mir ist die Migräne seit 4 Monaten verschwunden (vorher 2-3 mal monatlich damit gekämpft und 2x kompletten Zusammenbruch erlebt).
    Soll aber natürlich nicht der 1001 Ratschlag sein der nix nützt 😉 kann nur von eigenen Erfahrungen berichten und hätte selbst nie geglaubt, dass sowas möglich ist.

    Lg Patrick

  3. Fran Juli 28, 2015 um 04:13

    Hallo Claudia,
    ich wollte nur kurz schreiben, dass ich mit Dir fühle und vieles genauso erlebe. Ich versuche gerade einen Weg zu finden, um die Migräne „herum zu arbeiten“ und zu leben… gar nicht so einfach!
    Viele Grüße, Fran

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