Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Gedanken zu Behandlungsoptionen und eine Tirade

FotoIch habe viel über zukünftige Behandlungsoptionen für mich nachgedacht. Es sieht nicht gut aus. Ich verweigere mich weiteren pharmazeutischen Prophylaxen. Die ernährungsbasierte Triggervermeidung erleichtert ungemein, reicht aber nicht. Brachiale Maßnahmen, die bei mir den Eindruck erwecken, dass der Effekt vor allem im Portemonnaie der Anbieter liegt, machen mich misstrauisch. Ich möchter aber weiterkommen. Ohne dass ich mein Heil in Vitaminen oder Entspannungsübungen suchen muss. Da liegt es nämlich nicht.

Es ist seltsam. Je mehr ich lese und forsche und nach Zusammenhängen über die Wirkungsmechanismen der Migräne suche, desto weiter entfernt sich mein Intersse von Behandlungs- und Forschungsansätzen, die sich direkt mit Migräne beschäftigen. Komisches Paradox. Seit einiger Zeit lese ich Berichte und Studien über beispielsweise Epilepsie, Depressionen oder sogar Multiples-Sklerose mindestens genauso aufmerksam, wie die über Migräne. Warum eigentlich?

Viele von diesen Erkenntnissen auf Feldern, die sich eigentlich ab vom Schuss befinden, sind interssant, bahnbrechend und querdenkend. Nur nicht die über Migräne. Man verzeihe mir die polemische Vereinfachung von komplexen Tatsachen, die jetzt kommt. Aber: ist es nicht absurd? Das Potpourri der neueren Migränebehandlung hat Maßnahmen in petto wie z.B. Muskeln zerschneiden, Muskeln oder Nerven mit Gift lahmlegen, Herzoperationen, Geräte die die Hirnwellen elektromagnetisch verändern oder Medikamente, die bestimmte Rezeptoren in unserem Hirn blocken (wie das von uns allen sehnsüchtig erwartete CGRP-Medikament der Zukunft). Wir Migräniker machen fast alles mit, wenn es Erleichterung verspricht. Ich bin da keine Ausnahme. Nur, wenn man sich das alles mal mit einem bisschen Abstand betrachtet, dann mutet das an wie ein Sammelsurium aus dem letzten Jahrhundert, nicht weit weg von der Lobotomie. Das ist alles? denke ich immer wieder. Mehr fällt euch nicht ein, liebe Forscher? Ich bin mir sicher, dass mir niemand widerspricht, wenn ich behaupte, dass alle Behandlungen, die wir akutell zur Verfügung haben, auch die neueren, sich noch nicht mal ansatzweise in der Nähe der Ursachen bewegen. Man verstehe mich hier nicht falsch: Ich denke, dass wir Migräniker alle aktuell zur Verfügung stehenden Mittel nutzen sollten, um Erleichterung zu bekommen. Das heißt aber noch nicht, dass wir denken, dass wir gut versorgt sind.

Schauen wir uns mal die Studien an, die dieses Jahr so veröffentlicht wurden. Fasziniert stellen unsere Forscher auf computertomographischen Bildern fest, dass Nerven von Kopfschmerzkranken tatsächlich beschädigt sind oder es graue Flecken gibt. Oder sie prüfen noch einmal nach, ob es Sinn macht, länger andauernde Migräneattacken mit Kortikosteroiden zu behandeln (ja, es macht). Oder es wird noch ein Set Ratten verbraten um festzustellen, auf welche Weise und unter Zusetzung welcher Chemikalien (NO2 zum Beispiel) sich Gefäße im Hirn zusammenziehen oder erweitern. Kann Stickoxid Migräne auslösen? Schlafen Migräniker schlecht? Was macht denn die Migräne so, wenn die Kranken auch noch Stress haben? Natürlich weiß ich, dass auch die kleinen Erkenntnisse zum allgemeinen Wissenspool beitragen. Trotzdem: wo sind die interessanten, revolutionären Ansätze, Migräne zu betrachten? Wo sind die Ansätze, die wirklich mal nach der Wurzel suchen?

Zum Beispiel: Warum kommen Forscher darauf, dass der Ursachenkomplex der Epilepsie und der Depression möglicherweise im Immunsystem liegt, das nicht richtig funktioniert? Warum haben sich diese Forscher schon längst auf die Erforschung von Antikörpern und den Haupsitz des Immunsystems, nämlich auf den Darm und die damit zusammenhängenden Mechanismen gestürzt? (siehe dazu mein letzter Blogpost „Ist Migräne das Resultat eines fehlgeleiteten Immunsystems?„) Und warum tun das nicht schon längst Scharen von Migräneforschern?

Warum schreibe ich das alles? Weil ich in Zukunft ein bisschen über neue Experimente berichten möchte, die ich selbst gegen meine Migräne gestartet habe. Alle diese Experimente haben etwas mit dem Immunsystem zu tun. „That is a long shot“ würden meine amerikanischen Freunde sagen. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das was bringt, außer vielleicht einer gewissen esoterischen Zufriedenheit? Keine Ahnung. Aber ich finde das interessanter, als alles, was mir meine Neurologin im Moment empfiehlt. Mich weiter umzuschauen, sogar in unwahrscheinlichen und experimentellen Therapieansätzen, ist wichtig für meine Motivation, für meinen Willen, Besserung zu finden. Wenn ich mich ausschließlich mit meiner Ärztin unterhalte, dann versinke ich in Hoffnungslosigkeit und Depression. Und ich glaube, das ist das Schlimmste, was einem kranken Menschen passieren kann.

8 Antworten zu “Gedanken zu Behandlungsoptionen und eine Tirade

  1. Birgit November 1, 2015 um 02:02

    Hallo,
    ich habe seit fast 30 Jahren Migräne, natürlich auch schon alles ausprobiert bis auf die massiveren schulmedizinischen Prophylaxe-Angebote, da war ich immer misstrauisch. Ich habe zahlreiche Allergien und Unverträglichkeiten und bin inzwischen auch der Meinung, dass der Ansatz bei Migräne bei mir irgendwo beim Thema Darm/Immunsystem sein muss. Derzeit probiere ich übrigens ein Probiotikum aus Österreich aus, das speziell für Menschen mit Migräne entwickelt wurde.
    Ich bin extrem gespannt, was Du künftig berichten wirst. Ich lese Deine Beiträge regelmäßig und mit großem Interesse. Auch Deinen vorletzten zum Thema Immunsystem.
    Alles Gute!
    Birgit

    • Violetta November 1, 2015 um 09:47

      Danke dir. An einem Bericht über das Probiotikum wäre ich sehr interessiert, falls du Lust hast dich in zwei, drei Monaten (oder wie lange das auch immer dauert, bis man was merkt) nochmal zu melden. Liebe Grüße.

      • Birgit November 2, 2015 um 07:33

        Ja klar, ich werde berichten. Wobei ich momentan auch regelmäßig einmal/Woche eine Colon-Hydro-Behandlung machen lasse – ich werde also nicht klar sagen können, was geholfen hat (falls etwas hilft….). Das Mittel ist auch nicht günstig, mit Versand nach Deutschland ca. 44 Euro/Monat. Es heißt OmniBiotic Migräne (kannst Du ja wieder löschen, falls hier keine Produktnamen stehen dürfen). Es ist ganz neu auf dem Markt.
        Wenn Du noch Tipps fürs Immunsystem hast – das würde mich interessieren. Ich denke grad noch über Birkensaft oder Mumjio nach. Aber eins nach dem anderen.
        Hast Du schon mal von der GAPS-Ernährung gehört? Die soll gut für die Darmschleimhaut sein.
        Liebe Grüße

  2. Fran November 3, 2015 um 07:58

    Ich finde es besonders traurig, dass man irgendwann an dem Punkt ankommt, an dem man den „Experten“ nicht mehr vertraut. Weil sie einem nicht helfen können. Weil sie keine Ideen haben. Weil sie einen immer weiter verweisen oder so Sachen sagen wie „dann weiß ich jetzt auch nicht so genau, wie ich Ihnen helfen kann“, auch wenn sie noch nicht mal alle Standard-Prophylaxen vorgeschlagen haben. Geschweige denn neuere Methoden kennen oder vorschlagen. Oder weil sie einem bestimmte Symptome und Beobachtungen am eigenen Körper nicht glauben. „Das habe ich noch nie gehört, das kann nicht sein…“.
    Da ist es ja kein Wunder, dass man sich selber auf die Suche macht. Ich wünsche Dir viel Erfolg auf Deinem Weg!

    Zu Omnibiotic Migraene gibt es übrigens eine Studie, die im November auf dem Deutschen Schmerzkongress präsentiert werden soll – vom Präsidenten der DMKG. Stichwort: Zusammenhang Gehirn/Darm/Leber. Ich bin schon sehr gespannt!

    • Violetta November 3, 2015 um 10:04

      Was mich jetzt interessieren würde an der Studie ist, WAS genau (chemische Prozesse) die mit ihren Probiotic ändern wollen. Es gibt ja Probiotica, die z.B. ein Antihistamin sind. Bisher habe ich immer nur gelesen dass das Zeug gegen leaky gut schützen soll und allgemein entgiften. Das ist sicher keine schlechte Idee, aber ich frage mich, warum das dann speziell für Migräniker angeboten wird. Da habe ich noch nicht alles verstanden. Falls du da was weißt…

      • Fran November 4, 2015 um 01:53

        Nein, leider weiß ich auch nicht mehr. Ich bin gespannt auf die Präsentation im November. Wenn wir Pech haben wird dort auch nicht unbedingt genauer erklärt wird, warum genau die enthaltenen Pro- und Präbiotika gewählt wurden und keine anderen.

      • Violetta November 4, 2015 um 09:46

        So wie das Produkt beschrieben wird, ist zu vermuten, dass es hierbei vor allem um leaky-gut geht und man davon ausgeht, dass wenn leaky-gut beseitigt ist, dass die Migräne reduziert wird. Leaky gut ist aber eine komplexe Geschichte und sicher nicht alleine mit Probiotika zu lösen. Da muss dann auch eine Ernährungsumstellung her. Wir werden sehen, ich guck dann mal auf deinem Blog:-)

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