Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Statistische Ausreißer

standarddeviationVor ein paar Wochen hat mich eine gute Bekannte während eines sehr schlimmen Migräneanfalls der Marke „so schlimm wars noch nie“ angerufen. Die meisten Migräniker kennen solche Momente der Unerträglichkeit. Ärzte weisen häufig darauf hin, dass es sich bei den „so schlimm wars noch nie“ – Zuständen um ein Problem handeln könnte, das über eine „normale“ Migräne hinausgeht und in solchen Situationen der Gang ins Krankenhaus gerechtfertigt sei. Da würde ich nicht gegenreden wollen. Nichtsdestotrotz sind extreme und ungewohnte Attacken auch normaler Teil eines Lebens mit Migräne. Es gibt immer statistische Ausreißer auf der persönlichen Migräneskala. Sowohl nach oben als auch nach unten.

Ich komme gerade auf das Thema statistische Ausreißer zu sprechen, weil ich in den letzten Monaten nicht so viel gepostet habe. Meistens liegt bei mir der Grund dafür in ebenjenen statistischen Randbereichen: Es geht mir besser oder es geht mir schlechter mit der Migräne. Um es gleich zu sagen: es geht mir aktuell besser und in den vergangenen Monaten kam einfach zu viel Leben dazwischen. Ich war in Europa. Ich habe an meinem Buch gearbeitet. Habe eine Kurzgeschichte fertiggestellt. Habe meinem Hund beigebracht, cool an der Leine zu laufen. Was für ein unfassbarer, wunderbarer Luxus.

Ich werde mehr zu meinen Fortschritten schreiben in der Hoffnung, dass auch andere dadurch Wege für sich finden. Aber vorher treiben mich, wie so oft, die Gedanken um, wie sehr doch Migräne das Leben bestimmen kann. Wenn es mir schlechter geht und mich die Migräne so plagt, dass im Leben für fast nichts anderes mehr Platz ist als das Managen der Krankheit, dann blogge ich auch mehr. Die Migräne saugt in solchen Zeiten all meine Energie und all meine Aufmerksamkeit ab und das beste was ich tun kann ist, das ganze Geschehen schriftlich zu verarbeiten und meine Forschungen und Beobachtungen zu dokumentieren.

Es ist ein Ringen in solchen Zeiten. Einerseits das Leben jenseits der Migräne nicht zu verlieren, aber andererseits auch für mich zu sorgen, damit es mir zumindest so gut wie möglich geht. Gut und richtig essen und schlafen, mich ablenken und meinen Körper so gut es geht pflegen und damit den Schmerz zumindest lindern soweit es geht.

Dazu gehört auch, auf meine Stimmung zu achten. Manchmal kommt die Migräne zusammen mit einer Depression. Ich meine das nicht im Sinne comorbider Krankheiten. Ich meine das unmittelbar. Oft kommt mit dem Migräneanfall zur gleichen Zeit, zur gleichen Stunde, ein „Depressionsanfall“, der dann auch noch mitgemanaged werden muss. Je weniger depressiv ich während einer Migräneepisode bin, desto besser kann ich sie managen. Wenn kein schwarzes Loch um mich herum ist während eines Anfalls, dann habe ich mehr Kraft um Werkzeuge zu nutzen, die mir das Leben erträglicher machen und mich damit produktiver. Werkzeuge, die mir auch dabei helfen können, schneller aus einem Anfall wieder herauszukommen. Ich kann meditieren. Yoga machen. Etwas angemessenes (oder noch besser unangemessenes) zu essen machen, falls essen geht. Ich kann mich vor die Glotze hängen und auf andere Gedanken kommen. Ein Hörbuch hören. Ich kann, wenns ganz schlimm wird, während ich auf die Wirkung eines Triptans warte und mich mit dem Gefühl von „das ist unerträglich“ im Bett wälze, noch immer reflektieren und mich mit positiven Gedanken motivieren. Dass die Tablette irgendwann anschlagen wird. Dass bisher jeder extreme Zustand wieder aufgehört hat. Dass es „nur“ eine Frage der Zeit ist.  Wenn man weiß, dass der Schmerz endlich ist, dann lässt er sich besser ertragen.

Was mich zurückbringt zum telefonischen Hilferuf meiner Bekannten. Sie war in einem tiefen Loch, in welchem nicht unbedingt Depression war, sondern vor allem pure, nackte Panik und Angst ums Überleben. Viele Migräniker kennen das und ich auch. Der Schmerz wird so mächtig und überwältigend, zieht so viele Körperfunktionen und dann auch mentale Funktionen mit sich, dass es kaum noch Kontrolle gibt. Über die Sprache, die Denkfähigkeit, über die Verdauung, Bewegung. Alles ist dann am kollabieren. Was kann man da tun, wenn die Migräne einen schier überwältigt und man mit dem Rücken an der Wand steht (oder eher liegt)?

Meine Bekannte hat es richtig gemacht. Sie hat ihren Mann an der Arbeit angerufen und ihn gebeten, nachhause zu kommen. Der musste sich aber erst loseisen, und sie war sich in der Zwischenzeit nicht sicher, ob sie bei Bewusstsein bleiben konnte und hatte Angst was passieren könnte, wenn das nicht der Fall wäre.

Mit geschwollenem Gesicht, abgehackten Sätzen und schwerem Atmen hat sie Kontakt zu mir aufgenommen. Per Skype haben wir die Zeit überbrückt und ich konnte sehen, wie es um sie bestellt war. So konnte sie auch Dinge an mich delegieren, die sie nicht mehr selbst erledigen konnte: Denken und Informationen sammeln zum Beispiel. Sie hatte ein neues Medikament ausprobiert, das nicht geholfen hatte und wusste nicht, ob es eine gute Idee war, darauf noch ein Triptan zu nehmen, war aber nicht mehr in der Lage, im Internet zu suchen. Während sie hechelnd und heulend am Telefon saß, habe ich das übernommen. Das hat Angst reduziert und ihr somit Kraft gegeben, die sie in dem Moment dringend gebraucht hat. Sie hat das Triptan schließlich genommen und irgendwann hats angeschlagen.

Ich denke manchmal darüber nach, ob Migräniker auch so eine Art „Sponsor“ haben sollten, so wie das in manchen Selbsthilfegruppen für Alkoholiker organisiert wird. Zumindest für Situationen, die von statistischen Ausreißern bestimmt werden. Die in Richtung „schlimmer“ sind dann sicherlich am ehesten nachgefragt, nicht die in Richtung „besser“. Obwohl es natürlich nichts schöneres gibt, als Besserung und Heilung zu teilen. Aber da wird es den meisten Migränikern sicher gehen wie mir mit meinem Blog: man hat dann so viel nachzuholen, dass wenig Zeit bleibt für Reflektion. Da gibt es Theater und Ausstellungen und Haustiere und lange Spaziergänge und Freunde und Züge und Flugzeuge in die man sich setzen kann und so vieles mehr. Man weiß nie, wie lange so ein statistischer Ausreißer dauert.

4 Antworten zu “Statistische Ausreißer

  1. Britt August 12, 2017 um 00:28

    Hallo Violetta,
    Es freut mich, dass Du so eine gute Phase hast! Das zeigt doch, dass der Körper auch noch langanhaltende, migränefreie Zeiten ‚kann‘ . Und es ist ein Anfang, um die statistische Kurve umzukehren: von einer Migränekurve mit gelegentlich positiven ‚ Ausreißern‘ hin zu einer Normalitätskurve mit gelegentlich negativen Ausreißern in Form von Migräneattacken.
    Das lässt doch hoffen!
    Weiterhin alles Gute
    Britt

  2. Klärchen August 15, 2017 um 02:34

    Liebe Violetta,
    muss mich total zurückhalten, nicht jeden deiner Beiträge zu kommentieren, denn sie sprechen mir teilweise total aus der Seele! Ich kenne das auch, dass mit der Migräne auch eine „schwarze Wolke“ kommt, ein „Depressionsanfall“, wie du es nennst. Einzig und allein der Gedanke, dass es vorübergehen wird, hilft mir da weiter, und dass Aufgeben eben keine Option ist!
    Auch dieser Sponsoring-Idee ist toll! Ich hatte auch mal so einen Sponsor oder auch partner in crime. Einfach zu wissen, da ist jemand, den man im Notfall erreichen kann, und der genau weiß, wie es mir grade geht, macht so den Unterschied! Ist total lieb, wie du deiner Bekannten geholfen hast!
    Dein Fan
    Klärchen 😉

    • Violetta August 15, 2017 um 15:57

      Hallo Klärchen, herzlichen Dank für deinen netten Kommentar. Vielleicht fällt irgendjemanden ja was ein, wie wir ein „Sponsoringsystem“ aufziehen könnten. Wär doch toll!

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