Migräne besiegen mit einer ketogenen Diät? – Einmal Intelligenzbestie und zurück

KetoSo, nun habe ich sie endlich probiert, die ketogene Ernährungsweise. Für die, die noch nie davon gehört haben: Bei einer ketogenen Ernährung werden kohlenhydratereiche Nahrungsmittel drastisch reduziert und vermehrt Fette gegessen, die der Körper alternativ anstelle von Glucose als Energiequelle nutzen kann. Bisher habe ich meine Liebe zu Kohlenhydraten tapfer und mit Zähnen und Klauen verteidigt. (Keiner mischt sich in meine Gummibärchen und Kartoffeln ein!) Aber es gibt so viele Leute die behaupten, Keto wäre die Lösung bei Migräne, dass ich irgendwann dann doch mal in den sauren … Grünkohl beißen musste.

Und außerdem. Keto wird gerade echt hip. Ach was sag ich. Hier in den USA überschlagen sich die Leute regelrecht. Ich sehe, dass es auch schon nach Deutschland schwappt. In den banalsten Supermärkten findet man hier in den USA schon MCT Öl und Hanfsamen. Immer mehr Biohacker, Ärzte und Gesundheitsberater springen auf und entwerfen ihre eigenen Versionen von Keto. Keto für CEOs (beruflicher Erfolg durch mentale Klarheit), Keto für Frauen (vertrau deinem Körper, du hast die Kontrolle), Keto für Sportler und Bodybuilder (verbessere dein Physique), Keto für Überlebensfanatiker (ich will 180 werden), für alle gibts eine Variante.
Keto ist eine Bewegung geworden und hat schon lange nichts mehr mit dem schrecklichen Atkins Ansatz zu tun oder einer einseitigen Diät, die sich irgendein medizinischer Sadist für Kranke ausgedacht hat. Wer Keto isst, war früher fett und krank und ist heute erfolgreich, schön und schlank.

Es ist doch so, können wir nicht alle einen gesundheitlichen Boost durch bessere Ernährung vertragen? All die gequälten Übergewichtigen, die vielen Diabetiker, Prädiabetiker, Menschen mit Autoimmunerkrankungen, Herzerkrankungen, hohem Blutdruck, Entzündungsproblemen, Alzheimer, Multiples Sklerose. Nicht zu vergessen Migräniker. Allen kann geholfen werden. Ist das nicht irre?

Okay, okay, habe ich mir gedacht. Ist ja gut. Ich probiere es.

Fünf Monate lang also habe ich Keto gelebt, das ist mein Erfahrungshorizont. Dann haben die Probleme angefangen und ich musste abbrechen. Aber dazu später. Bevor es losging habe ich die Standardwerke und alles gewälzt, was mir dazu in die Finger gekommen ist, damit ich nichts falsch mache. Ich muss sagen, ich habe eine Menge über Ernährung gelernt. Über Zucker und Insulin und Fette. Über Gluten, Lektine und Leptine.

Auch jetzt noch, wo ich mich nicht mehr Keto ernähre, hat sich mein Verhältnis zu Nahrung komplett geändert, und zwar auf eine gute Art und Weise. Ich habe ein Bewusstsein entwickelt, wie sehr unsere Ernährung doch auf Kohlenhydraten beruht. Kohlenhydrate werden in Glucose umgewandelt und können in den bei uns kulturell üblichen zu großen Mengen zu Insulinresistenz führen und ernähren den Körper nicht nachhaltig. Ich denke mir jetzt nichts mehr dabei, mir zum Frühstück einen Salat zu machen und Blumenkohl dazu zu kochen. Warum sollte ich dieses ganze Brot in mich hineinfuttern, wo doch kaum Nährstoffe für meinen Körper abfallen? Ich sehe Obst in einem anderen Licht. Obst ist in erster Linie Zucker. Man braucht kein Obst, um gesund zu sein. Solche Sätze – hätte ich die vor einem Jahr woanders gelesen, hätte ich die Augen gerollt. Jetzt esse ich einen Apfel wenn ich was Süßes möchte und sehe das auch so, als Snack. Natürlich gibt es jetzt wieder die gelegentlichen Ausrutscher ins Schokoladenland, versteht sich.

Um es vorweg zu sagen: Meine Migräne ist mit Keto nicht mirakulös verschwunden. Die Zahl der Migränetage ist ein wenig gesunken, aber ähnlich geblieben. Allerdings: Die Intensität ist deutlich gesunken. An vielen Migränetagen hat mich also ein Triptan wieder in einen voll funktionierenden Normalzustand versetzt. Das war bei mir früher der Fall, seit vielen Jahren aber nicht mehr. Was aber der eigentliche Hit ist, wo ich mit ca. 12 Tagen Migräne im Monat immer mit Brainfog, Müdigkeit und Konzentrationsproblemen zu kämpfen hatte, kommt jetzt. Mit Keto war mein Kopf an den migränefreien Tagen so klar, mein mentales System so fokussiert, meine Gedankenströme so klar und kraftvoll, dass ich mich wie eine Intelligenzbestie gefühlt habe. Ich habe morgens um acht am Computer gesessen und konzentriert gearbeitet, ohne Müde zu werden. Mein Normalzustand ist eher so: ich schlafe so lange wie ich kann, meistens bis neun oder zehn und quäle mich dann halb erschlagen aus dem Bett. Dann schlurfe ich durchs Haus und brauche zwei bis drei Stunden bis ich mich gesammelt habe und arbeitsfähig bin. Kein Wunder also dass die ganzen CEO und Startup Freaks in San Franzisko auf dem Keto Trip sind. Keto hat was von einer Droge – ganz ohne Droge und gesund … oder … vielleicht doch nicht.

Keto zu essen bedeutet, dem Körper vorzugaukeln, dass es eine Hungersnot gibt. Deshalb stellt er, wie bei einem Bären im Winterschlaf, auf Fettversorgung um. Es passieren aber noch andere Dinge im Körper. Das Stresshormon Cortisol wird z.B. vermehrt ausgeschüttet, was auf die Dauer problematisch werden kann. Die Schilddrüse verlangsamt sich, da der Körper eigentlich, um das Überleben in einer Hungerphase zu sichern, Energie sparen möchte. Keto kann auf begrenzte Zeit einen reinigenden Effekt haben für den Körper. Wie fasten. Aber was passiert eigentlich, wenn der Körper dauerhaft im „Verhungerungsmodus“ ist? Ich weiß es nicht, ganz ehrlich. Es gibt sehr viele und immer mehr Menschen die auf Keto schwören und sich bereits seit Jahren in Ketose befinden. Allerdings, so war mein Eindruck in den Medien, ist die Mehrzahl männlich. Vielleicht liege ich damit auch falsch. Wahrscheinlich wird sich das erst später herausstellen. Dann, wenn der Hype abflaut und abgesehen von den Marketingexperten, die Keto auf allen Kanälen anpreisen (und mit Beratungen Geld verdienen), auch andere Stimmen und Erfahrungen in den Medien Platz finden.

Bei mir kam nach dem Hoch dann der Absturz. Nach einiger Zeit gab es eine Anpassung meines Körpers und ich war, bedauerlicherweise, nicht mehr ganz so hyperintelligent. Ich werde jetzt noch wehmütig, wenn ich daran denke. Allerdings fanden sich dann andere Mittel, den Zustand mentaler Klarheit weiter zu pushen: Mehr MCT Öl zum Beispiel, das direkt ins Hirn geht und dieses mit Nahrung versorgt. Allerdings kann MCT Lebensmittelallergien auslösen, was es bei mir getan hat und es ist sehr belastend für den Magen was bei mir auch der Fall war. Zusammen mit einem nicht mehr ganz so jugendlich fitten Verdauungssystem habe ich mich dann in eine Gastritis manövriert, an der ich jetzt noch knabbere. Was das Pushen der mentalen Klarheit anbelangt gibt es diverse Produktchen, die besonders in der Bulletproof Szene von (meist männlichen Vertetern) genommen werden, um das Hirn noch weiter zu Höchstleistungen anzuregen und sich noch besser zu fühlen. Ich habe einige von den Mittelchen probiert und interessanterweise – prompt von allen Migräne bekommen. Inklusive von externen Ketonen. Dann hat meine Schilddrüse reagiert. Meine Haare fielen aus und ich wurde wieder schlapper. Mein TSH Wert stieg dramatisch. Und das, obwohl ich allen die Schilddrüse angeblich nährenden Empfehlungen gefolgt bin (in die Ketose hinein und wieder herauswechseln z.B., abends carb-ups zu machen, nicht zu viele Proteine essen etc). Nun ja. Dann kam der crash. Mein Magen war hyperentzündet, meine Frisörin hat mich gefragt warum meine Haare so schlapp und dünn wären und meine rechte Schulter hat sich ebenfalls entzündet, bis ich sie überhaupt nicht mehr bewegen konnte und sie „frozen“ war, also erstarrt. Das war dann das Ende von Keto und low carb/high fat. Ich „humpelte“ zu meiner Ärztin, musste Magen, Galle und Leber untersuchen lassen, bekam Physical Therapy für meine Schulter und Schilddrüsenmedikamente (die ich wie immer nicht genommen habe), aß erst mal nur noch fettarme Süppchen mit Knäckebrot und fühlte mich morgens wieder müde.

Ganz so einfach ist es also nicht mit Keto. Leider, muss ich sagen. Hätte sich mein Zustand der ersten drei Monate erhalten, und alle Aspekte meiner Gesundheit wären intakt belieben, ich würde jetzt vielleicht auch eine Webseite erstellen mit vorher/nachher Bildern, ein Buch schreiben für irgendeine Zielgruppe inklusive Rezepten und Geld für Beratungen verlangen. Trotzdem ist viel Gutes geblieben. Ich esse anders. Meine Migräneintensität ist noch immer recht niedrig, auch wenn ich jetzt seit 2 Monaten nicht mehr Keto esse. Mein Mikrobiom im Magen und Darm hat sich nachhaltig verändert und meine sonst immer weiß belegte Zunge ist jetzt erstaunlich oft rosig und normal. Wer sich übrigens auf sanftere, gesundere Weise und ohne Keto an einen lower carb Lebensstil herantasten möchte, dem empfehle ich den deutschen LOGI Ansatz. Der kommt einer wirklich gesunden, zeitgenössischen Ernährung wahrscheinlich am nächsten, ohne den Körper in Extremzustände zu versetzen.

8 Antworten zu “Migräne besiegen mit einer ketogenen Diät? – Einmal Intelligenzbestie und zurück

  1. Britt Februar 5, 2018 um 22:45

    Danke für Deine persönlichen Einblicke in die Keto Diät. Ich halte Deinen Verlauf für typisch.
    Die ersten 3 Monate funktioniert es prima, unter anderem auch, weil schwache Nebennieren durch den Cortisolanstieg wieder gepusht werden. Über einen längeren Zeitraum jedoch stellen sich enzymatische Mangelerscheinungen ein, die einem Nutzen überwiegen.
    LOGI ist in der Tat die bessere Empfehlung und eine hypoglykämische Kost sehr sinnvoll bei Migräne. Wenn Du auf LOGI verweist, solltest Du auch den Gründer, Dr. Bodo Kuklinski erwähnen, der sehr viele gute Behandlungsansätze im Bereich der orthomolekularer Medizin hat.
    Er verweist auch auf eine mögliche Halsgelenkinstabilität des Atlaswirbel als Ursache für Migräne. ( Durch Dauerstimulation des Sympathikus).
    Wen es interessiert: einfach mal googeln!
    Liebe Grüße
    Britt

  2. smiletime.bloggerin Februar 14, 2018 um 08:03

    Hallo ,
    dass ist ein wirklich interessanter Artikel. Ich verfolge deinen Blog gerne weiterhin, dein Schreibstil gefällt mir sehr gut.
    Liebe Grüße Anna von smiletime

  3. Silvia Mai 3, 2018 um 00:33

    Hallo,
    das ist sehr interessant und deckt sich irgendwo auch mit meinen Erfahrungen. Bei mit hatte die ketogene Diät einen verbessernden Effekt (von sehr gut zu behandelnden Attacken an allen 30 Tagen, die bei Nichtbehandlung 2-3 Tage dauerten, mit keto auf 20 Tage runter, die ich eigentlich nicht mehr behandelt habe, weil sie so schwach waren und nach 4-8 Stunden von selbst weg gegangen sind. Allerdings hat das nur funktioniert, wenn ich gleichzeitig den Kaffee weggelassen habe. habe ich den Kaffee weggelassen, während ich noch Kohlenhydrate gegessen habe, hatte das auch keinen Effekt.
    Naja, Ende vom Lied: immer stärkere Verstopfung und nach ca. 4 Monaten Darmentzündung.
    Ich frage mich, wie die das machen, die permanent keto leben. Aber einer im Netz schrieb, man hat einfach tendenziell Verstopfung, damit müsse man leben.

    Ich finde aber immer noch deinen Gentest-Ansatz sehr spannend, der ja damals auch Besserung gebracht hatte. Vielleicht machst du mal einen Eintrag, in dem du ein Resümee ziehst, was von allen deinen Versuchen letztendlich etwas gebracht hat, was nicht, was auf Dauer, was nur vorübergehend? War zum Beispiel die Ernährungsumstellung nach dem Gentest etwas wirklich Dauerhaftes, so dass du immer noch auf dem verbesserten Stand von damals bist, oder gab es einen vorübergehenden Verbesserungs-Schub, der sich wieder abgeflaut hat? Das würde mich sehr interessieren.
    Ich finde deinen Blog auch sehr toll und interessant.

    Liebe Grüße
    Silvia

    • Violetta Mai 18, 2018 um 15:25

      Meine Erfahrung mit der Verstopfung (um mal ein schönes Thema anzureißen) ist die, dass viele Leute auf Keto zu viel Fleisch und andere Proteine essen, was die Verstopfung verschlimmert. Ich habe nicht so viel Fleisch gegessen und hatte kaum Verstopfung. Allerdings finde ich es interessant, dass auch du eine Entzündung hattest. Keto ist halt nicht so erforscht und viele Fakten fehlen. Insofern ist es mit Keto ein bisschen hit and miss.

  4. Katharina Mai 17, 2018 um 10:40

    Hallo:)
    Vielen Dank für die tollen Berichte, welche mir sehr weiterhelfen. Hat jemand von euch Erfahrungen mit Mönchspfeffer?
    Liebe Grüße
    Katharina

    • Violetta Mai 18, 2018 um 15:28

      Hallo Katharina, ich habe Mönchspfeffer mal als Progesteron-Vorstufe genommen. Hat sich aber als zu mild herausgestellt und ich bin dann übergewechselt auf Liposomale Progesteroncreme. Im Zusammenhang mit Migräne habe ich allerdings noch nie von Mönchspfeffer gehört.

  5. Katharina Mai 19, 2018 um 00:37

    Alles klar, vielen Dank für die Antwort. Es soll wohl bei Menstruations-Migräne gut helfen.

  6. Heike Dezember 17, 2018 um 04:10

    Sich durchgehend ketogen zu ernähren halte ich nicht durch und ist ungesellig. Allerdings kombiniere ich LOGI mit einem speziellen Öl, das die Ketonbildung ankurbelt. Damit komme ich zur Zeit gut zurecht. Hier verweise ich auf Elena Gross „Energiekrisen im Gehirn“.

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