Das Migräne Projekt

Eine die auszog, ihre Migräne zu besiegen

Die Dopamin-Migräne

gehirnEs gibt einen Dschungel an Möglichkeiten, wenn es um den Migränemechanismus geht. Noch immer wissen wir nicht, was die Migräne auslöst – manche mutmaßen, es könne unterschiedliche Gründe für die Krankheit Migräne geben. Wir stochern in möglichen Triggern herum, unendliche an der Zahl wie es scheint, die in der Lage sind, den entzündlichen Prozess im Hirn ins Laufen zu bringen. Manche Trigger sind offensichtlich und jeder hat schonmal davon gehört. Rotwein zum Beispiel, dessen Ursache wahrscheinlich in einer Verarbeitungsschwäche von Tyramin liegt. Es ist immer gut, wenn man versucht, einem Trigger auf den Grund zu kommen und den Mechanismus zu verstehen. Insbesondere wenn der Trigger in der Biochemie verankert ist. Möglicherweise kann man da einhaken und durch vermeiden oder zuführen die Migräne verbessern. Im Falle von Rotwein hieße das: meiden.

Ein für mich neues, praktisches Beispiel hatte ich in den letzten zwei Monaten mit der Aminosäure Tyrosin. Tyrosin (und zwar eine kleine Menge, die ich nicht wegen Migräne sondern wegen meiner Schilddrüse genommen habe) hat mich in eine sagenhafte Migränehölle geschickt, die sich erst nach 14 Tagen wieder beruhigt hat –  ein sehr ungewöhnliches Muster für mich. Wer ältere Blogposts von mir gelesen hat weiß, dass ich mich gerade mit der menschlichen Biochemie beschäftige und immer wieder experimentiere. Der Nachteil: selbsterklärend: Migräne. Der Vorteil: man kann was lernen. Tyrosin ist eine Aminosäure, aus der der Körper Neurotransmitter (Dopamin Adrenalin, Noradrenalin), Hormone (z.B. Schilddrüsenhormone) und anderes herstellt. Dopamin also? Was ist schief gelaufen in meinem Experiment?

Ich habe mich ein wenig in PubMed umgesehen, was die zu diesem Thema zu sagen haben: eine Menge. Die Onlinebibliothek ist voll mit Untersuchungen zu gestörtem Dopaminstoffwechsel und Migräne. Eine Studie aus 2013 vermutet, dass chronische Migräne an einem gestörten Tyrosin-Stoffwechsel liegen könnte, was eine „unkontrollierte Erzeugung von Neurotransmittern“ zur Folge hätte. Das stimmt sehr mit meiner Selbstwahrnehmung überein: Anders als sonst waren meine Synapsen im Hirn ganz klar am Ausflippen. Ich hatte eine Unruhe und ein Rauschen im Kopf, das schwer zu ertragen war.

Our data support the hypothesis that altered tyrosine metabolism plays an important role in the pathogenesis of CM. The high plasma levels of TYR, a potent agonist of the trace amine associated receptors type 1 (TAAR1), may ultimately down-regulate this receptor because of loss of inhibitory presynaptic regulation, therein resulting in uncontrolled neurotransmitter release. This may produce functional metabolic consequences in the synaptic clefts of the pain matrix implicated in CM.

Symptome einer Dopamin-Migräne werden in den diversen Studien so beschrieben: Prodrom: Gähnen (ganz besonders), Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Heißhunger. Während der Attacke: Übelkeit, Erbrechen und Bluthochdruck. Postdrom: Stimmungsschwankungen, Müdigkeit.

Ich finde allerdings, dass sich diese Symptome sehr stark mit denen der konventionellen Migräne überlappen. Entsprechend bin ich nicht sicher, ob diese Aufzählungen wirklich weiterführen, um einen gestörten Dopaminhaushalt dingfest zu machen. Trotzdem, eine Beobachtung habe ich gemacht, die ich persönlich im Auge behalten werde. Diese durch Tyrosin ausgelöste Migräne hatte bei mir teilweise andere Symptome als sonst.

Üblicherweise habe ich das typische, linksseitige Pochen im Kopf, das mit jedem Herzschlag einen Hammerschlag im Hirn erzeugt. Dieses mal hatte ich einen eher ziehenden Schmerz, der sich flächig ausgebreitet hat, in alle Dimensionen, auch ins Hirn hinein. Teil davon war eine schmerzhafte Muskelverspannung, die sich wie eine Eisenklammer um meinen Nacken herum angefühlt hat. Das sind, so glaube ich, die typischen Symptome des sogenannten Spannungskopfschmerzes. Und ich weiß, das Spannungskopfschmerz oft als Teil der chronischen Migräne beschrieben wird.

Ich muss sagen, dass mich die Definitionen der Kopfschmerzarten immer wieder verwirrren. Besonders in diesem Fall. Vielleicht hängt das nur an der kulturellen Bewertung von Spannungskopfschmerz (der implizierte nicht-so-schlimm Kopfschmerz). Obwohl meine Schmerz-Symptome zum Spannungskopfschmerz gehörten, waren alle anderen meiner Symptome außer dem Schmerz klar der Migräne zuzuordnen: Schwindel, Übelkeit, Schwäche, Lichtempfindlichkeit, Geruchsempfindlichkeit. Und: Die Migräne wurde nicht durch Verspannung ausgelöst, die Verspannung war ein Symptom. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das Teil der Definition Spannungskopfschmerz ist.

Vielleicht loht es sich, besonders für chronische Migräniker, die wie gesagt oft eine Mischung aus Migräne und Spannungskopfschmerz haben, die Dopaminschiene weiterzuverfolgen. Idealerweise mit einem Arzt, der Neurotransmitter misst. Es gibt Dopaminantagonisten, die in diesem Falle hilfreich sein können.

Beim Umgang mit Dopaminmigränen kann sicherlich auch Nahrung interessant sein. Eine geregelte Zufuhr von Tyrosin über die Nahrung kann den Stoffwechsel und die Neurotransmitter stabilisieren. Man kann bestimmte Lebensmittel auch weglassen, um Tyrosin und damit Dopamin im Körper zu reduzieren. Tyrosinhaltige Lebensmittel sind unter anderem: Reife Bananen, Äpfel, Erdbeeren, Wassermelonen, Haferflocken, Dunkle Schokolade, Dicke Bohnen, Weizenkeime, Meeresalgen, Edamame, Käse (besonders Ricotta), Huhn, Ente, Eier, Fisch, Rindfleisch, Artischocken, Avocados, Rote Beete, Brokkoli, Blumenkohl, Spinat, Kichererbsen, Grünkohl, Linsen.

Ich selbst werde in Zukunft versuchen, meinen Tyrosinhaushalt durch Nahrungsmittel sanft zu stimulieren. Tyrosin als Ergänzungsmittel bleibt erst mal im Schrank.

 

Quellen:

  • Use of dopamine antagonists in treatment of migraine: Marmura MJ. PubMed.
  • Dopamine: what’s new in migraine? Charbit AR, Akerman S, Goadsby PJ. PubMed.
  • Dopaminergic symptoms in migraine: Barbanti P, Fofi L, Aurilia C, Egeo G. PubMed.
  • Dopamine involvement in the migraine attack: Fanciullacci M, Alessandri M, Del Rosso A. PubMed.
  • The role of tyrosine metabolism in the pathogenesis of chronic migraine: D’Andrea G, D’Amico D, Bussone G, Bolner A, Aguggia M, Saracco MG, Galloni E, De Riva V, Colavito D, Leon A, Rosteghin V, Perini F. PubMed.
  • Foods That Increase Dopamine: Think “Tyrosine”: Mental Health Daily.

Nebenwirkungen von Propranolol: Gründe und Gegenmaßnahmen

leeresglasIch habe schon viel in diesem Blog über Propranolol geschrieben, weil es gerne als Migräneprophylaxe verschrieben wird. Auch ich habe die Betablocker lange Zeit genommen und hatte intensive Nebenwirkungen. Warum nur? Dank der amerikanischen Pharmazeutin Suzy Cohen(1) habe ich jetzt ein paar Antworten gefunden und möchte weitergeben, was ich von ihr gelernt habe. Inklusive ein paar eigenen Schlussfolgerungen. Mehr von diesem Beitrag lesen

Lara erzählt von ihrer Migräne

Das hier ist der fünfzehnte Artikel der Serie: Erzähl deine Geschichte.
Mit dieser Serie lade ich andere Migräniker ein, von sich zu erzählen.
Vielen Dank an Lara, die in diesem Blogpost von ihrer Migräne berichtet. Mehr von diesem Beitrag lesen

Schwefel, Migräne und das CBS-Gen

Mehylation_result Über einen Gentest und die Auseinandersetzung mit Methylierung bin ich darauf gekommen, dass Schwefel bei mir einer der ganz großen Migräneauslöser ist. Mehr von diesem Beitrag lesen

Methylierung als Ansatz, Migräne zu behandeln

Source: Wikipedia, By Thomas Shafee

Source: Wikipedia, By Thomas Shafee

Sprechen wir also von Methylierung. Mein neuester Behandlungsversuch ist sehr vielversprechend. Er hat meine Dauermigräne abrupt beendet und in eine ab- und zu mal Migräne verwandelt. Zumindest zur Zeit. Methylierung als Methode ist erst mal nicht ganz so einfach zu verstehen. Meine erste Reaktion, als ich von den Erfolgen einiger Migräniker gelesen habe war die: Methylierung? Hä? Mehr von diesem Beitrag lesen

Topiramat – ein Erfahrungsbericht von Lina

Meine Migräne ist ein mieser Verräter

Ich bin 20 Jahre alt, Studentin in Potsdam und habe solange ich denken kann Kopfschmerzen. Umso älter ich wurde, umso schlimmer und häufiger wurden sie. Bei mir handelt es sich um Migräne mit und ohne Aura sowie chronische Spannungskopfschmerzen. Die Aura lebt sich verschieden aus. Manchmal Sehstörungen, teils Missempfindungen, Heisshungerattacken und das Alice im Wunderland Syndrom. Auslöser sind vor allem Stress und jegliche Unregelmäßigkeiten. Mehr von diesem Beitrag lesen

Der Gentest

gentestIch habe einen Gentest gemacht. Ganz einfache Sache: 199 Dollar an 23andme.com bezahlen, in ein Röhrchen spucken, bis keine Spucke mehr da ist, die Spucke dann zur Post bringen, sechs Wochen warten – und dann gehts los. Das geht übrigens auch von Deutschland aus. Man bekommt irgendwann eine email, loggt sich ein und schon erfährt man lustige Sachen über sich. Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass ich so viele Neanderthaler-Gene in mir habe wie wenige andere. Kein Wunder, hat mein Lebenspartner gesagt, deine Sippe ist ja auch noch nie aus dem Kaff da in der Mitte Deutschlands rausgekommen. Dann bin ich jetzt eben die erste, habe ich zurückgestichelt. Man wird ja schließlich nicht von seinen Genen definiert. Mehr von diesem Beitrag lesen

Der seltsame Impuls gegen medikamentöse Prophylaxen

AbscheuIch habe einen Antrieb in mir der sagt: nicht aufgeben, unter gar keinen Umständen. Ich bin permanent auf der Suche nach Informationen und besseren Behandlungsmethoden. Ich lese so viele Studien und Bücher über Migräne wie ich kann. Ich muss und ich werde etwas finden, womit ich meine außer Kontrolle geratene Migräne in den Griff bekomme. Irgendwann. Da scheint es vielleicht widersprüchlich, dass ich momentan nicht mehr bereit bin, weitere schulmedizinische Prophylaxen auszuprobieren. Warum eigentlich? Ich kann auf mehrere Jahre Prophylaxe mit Betablockern zurückblicken, daneben viele alternative Versuche mit Vitaminen, Akupunktur und so weiter. Es gibt noch eine Menge mehr medikamentöse Prophylaxen. Nur: Ich möchte sie nicht nehmen. Mehr von diesem Beitrag lesen

Marion erzählt von ihrer Migräne

Das hier ist der vierzehnte Artikel der Serie: Erzähl deine Geschichte.
Mit dieser Serie lade ich andere Migräniker ein, von sich zu erzählen.
Vielen Dank an Marion, die in diesem Blogpost von ihrer Migräne berichtet.
Wer mehr über Marion erfahren will findet sie hier. Mehr von diesem Beitrag lesen

Ende der Blutegeltherapie und noch mehr Würmer

Blutegel_grünBlutegeltherapie ist eine tolle Sache. Mein Lebenspartner zum Beispiel – der mich, als ich die Tiere angeschleppt habe, konsterniert angeschaut hat – schwört Stein und Bein, dass eine handvoll Behandlungen seine Tendonitis an der Schulter beseitigt haben. Aber nicht nur das, die Biester sind so stimmungsaufhellend für seine schwermütige Seele, dass ich schon Angst habe, er könnte sie pulverisieren und intravenös nehmen. Das ist schön für ihn. Was aber mich und meine Migräne angeht: Fehlanzeige. Leider. Mehr von diesem Beitrag lesen

Gedanken zu Behandlungsoptionen und eine Tirade

FotoIch habe viel über zukünftige Behandlungsoptionen für mich nachgedacht. Es sieht nicht gut aus. Ich verweigere mich weiteren pharmazeutischen Prophylaxen. Die ernährungsbasierte Triggervermeidung erleichtert ungemein, reicht aber nicht. Brachiale Maßnahmen, die bei mir den Eindruck erwecken, dass der Effekt vor allem im Portemonnaie der Anbieter liegt, machen mich misstrauisch. Ich möchter aber weiterkommen. Ohne dass ich mein Heil in Vitaminen oder Entspannungsübungen suchen muss. Da liegt es nämlich nicht. Mehr von diesem Beitrag lesen

Angelika erzählt von ihrer Migräne

Das hier ist der dreizehnte Artikel der Serie: Erzähl deine Geschichte.
Mit dieser Serie lade ich andere Migräniker ein, von sich zu erzählen.
Vielen Dank an Angelika, die in diesem Blogpost von ihrer Migräne berichtet. Mehr von diesem Beitrag lesen

Ist Migräne das Resultat eines fehlgeleiteten Immunsystems?

EntzündungDem Zusammenhang von Migräne und dem Immunsystem wird immer mehr Beachtung geschenkt. Neuere Forschungen legen nahe, dass das Immunsystem eine Schlüsselrolle bei neurologischen Erkrankungen spielen könnte.

Viele Krankheiten haben ihre Wurzeln im Immunsystem und dazu gehören nicht nur die anerkannten Autoimmunkrankheiten wie z.B. Diabetes Typ 1, Crohns oder Multiples Sklerose. Auch für Krankheiten wie z.B. Autismus oder Epilepsie werden bereits die  immunologischen Ursachen erforscht. Fehlgeleitete Immunzellen, so schrieb der Spiegel in einem Artikel schon 2012, führten zu entzündlichen Prozessen im Gehirn, die Epilepsie auslösen können. Mehr von diesem Beitrag lesen

Blutegeltherapie gegen Migräne

Vier Blutegel haben Spaß an meinem Hals. Einer bleibt mit seinem hinteren Saugnapf an meiner Hand hängen und lässt erst nach ein paar Minuten los. Anfängerin halt.

Vier Blutegel haben Spaß an meinem Hals. Einer bleibt mit seinem hinteren Saugnapf an meiner Hand hängen und lässt erst nach ein paar Minuten los. Anfängerin halt.

And now for something completely different.

Ich muss diesen Post einfach mit einem Monty Python Zitat beginnen. Weil mir das Ganze immernoch absurd erscheint. Ist es aber nicht. Deshalb hier ein Bericht über meine neuesten Experimente, meine Migräne in den Griff zu bekommen. Mit Blutegeln nämlich. So, ich räusper mich jetzt nochmal, dann geht es los.

Die letzten zwei Monate hatte ich mal wieder einen Einbruch. Zwanzig Migränetage im Monat. Mehr von diesem Beitrag lesen

Claudia erzählt von ihrer Migräne

Das hier ist der zwölfte Artikel der Serie: Erzähl deine Geschichte.
Mit dieser Serie lade ich andere Migräniker ein, von sich zu erzählen.
Vielen Dank an Claudia, die in diesem Blogpost von ihrer Migräne berichtet. Mehr von diesem Beitrag lesen